# Steeken: Wie du dein Gestrick angstfrei aufschneidest
Es gibt diesen einen Moment im Leben jedes Strickenden: Du hältst den fertig gestrickten Pulloverkörper in der einen Hand, eine Schere in der anderen, und jeder Instinkt schreit *„Tu es nicht!“*. Du hast Wochen an Arbeit hineingesteckt. Reihe für Reihe sorgfältigstes Einstrickmuster, und jetzt verlangt die Anleitung (oder dein eigenes Vorhaben), mitten durch das Gestrick zu schneiden.
Atme tief durch. Steeken ist einer der ältesten und bewährtesten Tricks der Strickgeschichte. Sobald du verstehst, warum es funktioniert, verliert es seinen Schrecken und wird zu einer genialen Abkürzung.
Was Steeken eigentlich ist
Ein Steek ist eine schmale Brücke aus extra Maschen (meist zwischen sechs und zehn Maschen), die du nur zu dem Zweck einstrickst, sie später aufzuschneiden. Typische Einsatzorte sind die Vorderöffnung einer Strickjacke (Cardigan), Armausschnitte oder Halsausschnitte – überall dort, wo das Kleidungsstück eine Öffnung benötigt, die dich sonst zwingen würde, nicht mehr in Runden, sondern in Hin- und Rückreihen zu stricken.
Und genau darum geht es: Viele stricken mehrfarbige Muster (Fair Isle) viel schneller, gleichmäßiger und entspannter, wenn sie jede Runde von der Vorderseite aus stricken können, ohne das Gestrick je für linke Rückreihen wenden zu müssen. Durch das Steeken kannst du eine ganze Strickjacke wie eine einfache Röhre stricken: keine Unterbrechung des Leseflusses im Zählmuster, kein verkehrtes Linksstricken im Farbmuster. Du strickst durchgehend in Runden inklusive der Extra-Maschen, und erst am Ende entscheidest du, wo das Gestrick geöffnet wird.
Die Technik hat tief sitzende Wurzeln in der Shetland-Stricktradition, wo Fair-Isle-Pullover aus genau dieser Effizienz heraus komplett rundgestrickt und anschließend für Arm- und Vorderöffnungen aufgeschnitten wurden. Das Wort leitet sich vom schottischen Begriff für „Masche“ oder „Stich“ ab.
Warum das Aufschneiden deinen Pullover nicht aufrippelt
Die Angst ist verständlich: Gestrick besteht aus einem durchgehenden Faden, also sollte ein einziger Schnitt logischerweise das Ganze auflösen. In der Praxis arbeiten jedoch zwei Faktoren für dich.
Erstens möchte sich eine gestrickte Masche nur in eine Richtung aufrippeln – nämlich vertikal in ihrer eigenen Maschenspalte, nicht waagerecht über das Gestrick. Wenn du in der Mitte des Steeks schneidest, durchrennst du die Maschen innerhalb dieser Spalte, aber die Spalten links und rechts davon bleiben völlig intakt.
Zweitens – und das ist der wichtigste Punkt – schneidest du niemals ungeschütztes Gestrick. Bevor die Schere angesetzt wird, werden die Steek-Maschen gesichert und verstärkt, sodass jede durchtrennte Masche fest verankert ist. Das Schneiden selbst ist der einfachste Teil. Die Verstärkung sorgt für die Sicherheit – darauf liegt das Hauptaugenmerk.
Wie du einen Steek vor dem Schneiden verstärkst
Es gibt verschiedene verlässliche Methoden, um Steek-Maschen zu sichern. Keine davon erfordert Spezialwerkzeug.
Häkelverstärkung
Dies ist die traditionelle Handarbeitsmethode und perfekt für den ersten Steek. Mit einer Häkelnadel (etwas kleiner als deine Stricknadeln) häkelst du eine Kette aus Kettmaschen oder festen Maschen durch die Maschenglieder auf der einen Seite der Schnittlinie und wiederholst das auf der anderen Seite. Die Spannung sollte fest sein, aber das Gestrick nicht zusammenziehen. Du baust so zwei kleine Schutzzäune links und rechts der Schnittlinie.
Nähmaschinenverstärkung
Wenn du eine Nähmaschine hast, erfüllt eine Naht aus geraden Stichen oder einem schmalen Zickzackstich entlang beider Seiten der Schnittlinie denselben Zweck – nur schneller und mit maschinell gleichmäßiger Spannung. Dies ist eine sehr beliebte Wahl bei glatten oder weniger „klettenden“ Garnen, da die Maschinennaht eine extrem sichere Fixierung bietet.
Handgenähte Verstärkung
Du kannst die Verstärkung auch von Hand mit Nähgarn oder Stickgarn im Steppstich/Rückstich nähen. Es dauert etwas länger als mit der Häkelnadel oder Nähmaschine, ist aber mobil, erfordert keine Maschine und gibt dir maximale Kontrolle – ideal bei feinen oder empfindlichen Fasern.
Egal welche Methode du wählst: Markiere dir die geplante Schnittlinie immer zuerst (z. B. mit einem Kontrastfaden, der durch die mittlere Maschenspalte gezogen wird) und verstärke beide Seiten, bevor du zur Schere greifst. Es empfiehlt sich außerdem, den gesamten Ablauf an deiner Maschenprobe zu üben.
Die Wahl des passenden Garns zum Steeken
Nicht jedes Garn eignet sich gleich gut – dieses Detail wird von Anfängern oft übersehen.
Traditionelle, unbehandelte Schurwolle (Non-Superwash) ist der Goldstandard. Wollfasern besitzen eine natürliche Schuppenstruktur, die sich leicht mit den Nachbarfasern verhakt. Shetland-Wolle, das klassische Steeking-Garn, wird genau dafür geschätzt: Es ist leicht rau und „klebrig“ – Eigenschaften, die bei einer Decke stören würden, hier aber perfekt helfen.
Superwash-Wolle, Baumwolle, Seide und andere glatte Fasern verhalten sich anders. Durch die Superwash-Ausrüstung werden die Schuppen der Wolle geglättet, das Garn wird spürbar glatter. Steeken ist auch hier möglich, erfordert aber eine stärkere Verstärkung – etwa eine Nähmaschinenaht statt einer gehäkelten Kette –, da das Garn selbst weniger Eigenhaftung mitbringt.
Wenn du unsicher bist, stricke eine kleine Probe, verstärke sie und schneide sie auf. Dieser kurze Test verrät dir mehr als jede theoretische Garnkunde.
Der entscheidende Schnitt
Wenn die Verstärkung auf beiden Seiten angebracht ist, ist das Schneiden überraschend einfach. Verwende eine kleine, scharfe Handarbeits- oder Stickschere (keine große Stoffschere) und schneide langsam und gerade an der mittleren Maschenspalte entlang. Du schneidest *zwischen* den beiden Verstärkungslinien, nicht durch sie hindurch.
Danach hast du zwei Schnittkanten mit kleinen Fadenenden. Bei einem Wollpullover werden diese Schnittkanten nach innen umgeklappt und leicht angenäht, hinter einer Knopfleiste versteckt oder mit einem Band abgedeckt. Schneide die Fransen nicht zu kurz ab – lass genügend Nahtzugabe, damit die verstärkte Kante flach versäubert werden kann.
Du schaffst das
Steeken belohnt gute Vorbereitung. Wenn du deine Linie klar markierst, auf beiden Seiten fest verstärkst und ein passendes Garn wählst, ist das eigentliche Schneiden der unspektakulärste Teil. Wer einmal gesteekt hat, tut es meist wieder – einfach weil es viel praktischer ist, als es von außen aussieht.






