# Verkürzte Reihen erklärt: Techniken und wann man sie anwendet

Wenn du dich je gefragt hast, wie sich eine Sockenferse um den Fuß schmiegt oder warum die Schulter eines Pullovers leicht abfällt, anstatt flach zu sitzen, lautet die Antwort fast immer: verkürzte Reihen. Verkürzte Reihen gehören zu den nützlichsten Werkzeugen zur Formgebung beim Stricken. Sobald du die Logik dahinter verstanden hast, wirst du Möglichkeiten entdecken, sie auch in Anleitungen einzusetzen, die den Begriff gar nicht erwähnen.

In diesem Ratgeber erfährst du, was verkürzte Reihen sind, warum man sie nutzt und wie sich die gängigen Methoden unterscheiden. Außerdem erhältst du eine vollständige Schritt-für-Schritt-Anleitung für deutsche verkürzte Reihen (German Short Rows) – eine besonders anfängerfreundliche Technik, die schnell gelernt und leicht zu merken ist.

Was genau sind verkürzte Reihen?

Eine verkürzte Reihe ist einfach eine Reihe, die du nicht bis ganz zum Ende strickst. Anstatt jede Masche auf der Nadel abzuarbeiten, hältst du mittendrin an, wendest deine Arbeit und strickst in die andere Richtung zurück. Wenn du das mehrmals im selben Bereich wiederholst, fügst du dort zusätzliche Höhe ein, ohne deine Gesamtmaschenzahl zu verändern.

Stell dir einen Stapel Papier vor, bei dem jedes Blatt etwas kürzer ist als das darunterliegende und fächerförmig aufgelegt wird. Genau das bewirken verkürzte Reihen in deinem Gestrick: Sie bauen in einem bestimmten Abschnitt zusätzliche Höhe auf, während der Rest der Arbeit die ursprüngliche Länge behält. Diese zusätzliche Höhe sorgt dafür, dass sich das Gestrick wölbt, neigt oder Wölbungen erzeugt – genau dort, wo du es brauchst.

Der Haken beim Wenden mitten in der Reihe ist, dass durch das Stoppen und Umkehren eine kleine Lücke oder ein Loch an der Wendestelle entstehen kann. Jede Methode für verkürzte Reihen dient dazu, genau dieses Problem auf leicht unterschiedliche Weise zu lösen. Deshalb gibt es nicht nur die eine „richtige“ Technik.

Warum Strickende verkürzte Reihen verwenden

Verkürzte Reihen tauchen in Anleitungen ständig auf, selbst wenn sie nicht im Mittelpunkt stehen. Hier sind die Stellen, an denen sie dir am häufigsten begegnen.

Sockenfersen

Die klassische Bumerangferse oder Ferse mit verkürzten Reihen verwandelt eine schlichte Glatt-rechts-Röhre in eine Schalenform, die sich perfekt um die Ferse legt. Anstatt ein flaches Fersenkäppchen zu stricken und seitlich Maschen aufzunehmen, formen verkürzte Reihen die Ferse direkt in der Runde. Das ist ein Grund, warum diese Methode bei Top-Down- und Toe-Up-Socken gleichermaßen beliebt ist.

Schulterformung

Bei Pullovern mit eingesetzten Ärmeln oder Überschnittenen Schultern werden häufig verkürzte Reihen genutzt, um die Schulternaht anzuwinkeln. So folgt sie dem natürlichen Verlauf des Körpers, anstatt in einer flachen, rechtwinkligen Kante zu enden. Das sorgt für eine bessere Passform und einen schöneren Fall.

Brustformung (Brustabnäher)

Verkürzte Reihen sind ein beliebtes Mittel, um im Brustbereich zusätzliche Länge einzubauen, ohne die Maschenzahl des gesamten Kleidungsstücks zu erhöhen. Ein Feld aus verkürzten Reihen, das nur über das Vorderteil und etwa mittig über die stärkste Stelle der Brust gearbeitet wird, bringt die nötige vertikale Länge ein, während Rücken und Seiten auf ursprünglicher Höhe bleiben – das gestrickte Äquivalent zu einem Abnäher beim Nähen.

Geschwungene Säume und Kragen

Hast du schon einmal einen Pullover gesehen, dessen Saum hinten tiefer sitzt als vorne, oder einen Schalkragen, der sich sanft um den Nacken schmiegt? In den Saum oder Kragen eingearbeitete verkürzte Reihen erzeugen diese Rundung schrittweise, sodass der Übergang natürlich verläuft.

Farb- und Streifeneffekte

Da verkürzte Reihen partielle Reihen in einer bestimmten Farbe hinzufügen, werden sie auch dekorativ eingesetzt: Sie erzeugen schräge Streifen, Farbblöcke oder asymmetrische Musterlinien, die mit geraden Reihen schlicht nicht möglich wären.

Die wichtigsten Methoden für verkürzte Reihen im Vergleich

Es gibt vier Techniken, auf die du am häufigsten stoßen wirst. Alle erfüllen denselben Zweck, unterscheiden sich aber darin, wie sichtbar die Wendestelle ist, wie viel Garn sie verbrauchen und wie einfach sie zu erlernen sind.

Wickelmaschen (Wrap and Turn / W&T)

Dies ist die Methode, die die meisten als Erstes lernen und die in gedruckten Anleitungen am häufigsten vorkommt. An der Wendestelle hebst du eine Masche ab, wickelst den Arbeitsfaden um sie herum und wendest die Arbeit, um zurückzustricken. Wenn du später über diese Masche hinwegstrickst, nimmst du den Wickelfaden auf und strickst bzw. linksgestrickst ihn zusammen mit der Masche ab. Das schließt die Lücke und verbirgt die Wicklung auf der Rückseite. Die Methode funktioniert fast überall verlässlich; auf der Vorderseite von Glatt-rechts-Gestrick können die Wicklungen jedoch sichtbar bleiben, wenn man sie nicht sehr sauber aufnimmt, und das Aufnehmen auf der linken Seite erfordert etwas Übung.

Deutsche verkürzte Reihen (German Short Rows)

Deutsche verkürzte Reihen kommen komplett ohne Umwickeln aus. An der Wendestelle wendest du einfach deine Arbeit und ziehst den Faden fest nach oben/hinten. Dadurch werden die zwei Maschenglieder der darunterliegenden Masche auf die Nadel gezogen und bilden eine sogenannte „Doppelmasche“. Später strickst du diese Doppelmasche einfach wie eine einzelne Masche rechts oder links ab, und die Lücke schließt sich automatisch. Es gibt nichts aufzulesen oder zu suchen – das macht die Methode schnell, unkompliziert und sehr anfängerfreundlich. Sie eignet sich hervorragend für Kraus-rechts-Muster, wo die Doppelmasche nahezu unsichtbar verschwindet.

Japanische verkürzte Reihen (Japanese Short Rows)

Die japanische Methode verzichtet ebenfalls auf Wicklungen. Stattdessen hebst du an der Wendestelle eine Masche ab, klippst einen herausnehmbaren Maschenmarkierer oder ein Stück Hilfsgarn an den Arbeitsfaden und strickst weiter. Der Markierer dient als Platzhalter. Wenn du zurückkehrst, um die Lücke zu schließen, hebst du die markierte Schlaufe auf die Nadel und strickst sie zusammen mit der benachbarten Masche ab. Da kein Wickelfaden verwaltet werden muss, erzeugt diese Methode ein sehr sauberes, fast unsichtbares Ergebnis – ein Grund, warum sie bei Sockenfersen und -spitzen beliebt ist.

Verkürzte Reihen mit Umschlag (Yarn-Over Short Rows)

Bei dieser Methode wendest du die Arbeit und machst einfach einen Umschlag, bevor du weiterstrickst. Diese Extra-Schlaufe liegt an der Wendestelle auf der Nadel. In der folgenden Reihe strickst du den Umschlag mit der danebenliegenden Masche zusammen, um die Lücke zu schließen. Es ist eine schnelle Option, allerdings kann der Umschlag etwas lockerer sitzen als eine Wicklung, weshalb manche Strickende das Ergebnis bei feinen oder rutschigen Garnen als etwas weniger ordentlich empfinden.

Es gibt nicht die eine „beste“ Methode. Viele nutzen standardmäßig Wrap and Turn, weil es in Anleitungen am häufigsten steht, wechseln für Tempo und kraus rechte Muster zu deutschen verkürzten Reihen und greifen zu japanischen verkürzten Reihen, wenn eine unsichtbare Wendestelle am wichtigsten ist.

Schritt für Schritt: So strickst du deutsche verkürzte Reihen

Da deutsche verkürzte Reihen schnell zu erlernen und verzeihend für Anfänger sind, findest du hier eine Anleitung. Dieses Beispiel formt einen kleinen Glatt-rechts-Abschnitt, aber die gleiche Logik gilt überall dort, wo eine Anleitung verkürzte Reihen verlangt.

Wenden in einer Hinreihe (rechte Maschen):

  1. Stricke rechte Maschen bis zu dem Punkt, an dem du laut Anleitung wenden sollst (oft formuliert als „stricken bis 4 M vor Ende, wenden“).
  2. Wende deine Arbeit wie am Reihenende, sodass der Faden nun vor der Arbeit hängt.
  3. Führe den Arbeitsfaden zwischen den Nadelspitzen nach vorne und hebe die erste Masche von der linken auf die rechte Nadel wie zum Linksstricken ab, ohne sie zu stricken.
  4. Ziehe den Arbeitsfaden fest nach hinten/oben über die Nadel. Dadurch wird die Masche unter der abgehobenen Masche nach oben gezogen, sodass du nun zwei Maschenglieder auf der Nadel siehst statt einem. Das ist deine Doppelmasche.
  5. Führe den Faden wieder nach vorne in Position zum Linksstricken und stricke die Rückreihe wie gewohnt links zurück.

Wenden in einer Rückreihe (linke Maschen):

Folge denselben Schritten umgekehrt: Stricke links bis zur Wendestelle, wende die Arbeit, bringe den Faden nach vorne, hebe die erste Masche ab, ziehe stramm zur Doppelmasche und stricke rechts zurück.

Auflösen der Doppelmasche in einer späteren Reihe:

Wenn du in einer späteren Reihe wieder an die Doppelmasche gelangst (wenn du sie zum ersten Mal nach dem Erstellen erreichst):

  • In einer Hinreihe (rechts): Stricke die zwei Maschenglieder der Doppelmasche zusammen wie eine einzelne rechte Masche ab.
  • In einer Rückreihe (links): Stricke die zwei Maschenglieder zusammen wie eine einzelne linke Masche ab.

Das ist schon alles. Du musst nach keinem Wickelfaden suchen und keine separaten Maschen aufnehmen. Sobald du ein paar Doppelmaschen gearbeitet hast, geht die Bewegung in Fleisch und Blut über.

Ein paar Tipps, bevor du anfängst

  • Übe zuerst an einer Maschenprobe. Schlage 20 Maschen an, stricke ein paar Reihen und teste verkürzte Reihen in der Mitte, um zu beobachten, wie sich die Lücke bildet und schließt.
  • Zähle deine Wendestellen. Anleitungen versetzen die Wendepunkte oft gestaffelt (z. B. bei jedem Durchgang eine Masche weiter). Nutze einen Reihenzähler oder Maschenmarkierer.
  • Passe die Methode an das Muster an. Kraus rechts verzeiht fast jede Methode; glatt rechts zeigt ungleichmäßige Wicklungen schneller – hier glänzen deutsche oder japanische verkürzte Reihen.
  • Verpasse nicht das Zusammenstricken. Stricke die Wicklung, Doppelmasche oder Markierungsschlaufe in der Folgereihe immer zusammen mit der Nachbarmasche ab – das Auslassen ist der häufigste Grund für sichtbare Löcher.

Fazit

Verkürzte Reihen sind eine dieser Techniken, die eine erstaunliche Vielfalt an Formgebungen ermöglichen, sobald der Knoten geplatzt ist: Runden in Fersen, geschwungene Schultern, sitzende Brustabnäher und sanft gerundete Säume basieren alle auf der einfachen Idee, vor dem Reihenende zu wenden. Starte mit deutschen verkürzten Reihen für den schnellsten Erfolg und probiere später andere Methoden aus, wenn sie dir in Projekten begegnen.

Quellen