# Ein Leitfaden zu den nordischen und skandinavischen Stricktraditionen
Wer heute einen Pullover mit mehrfarbigem Einstrickmuster (Stranded Colorwork) zur Hand nimmt, hält mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Stück Strickkultur in den Händen, dessen Ursprünge auf ein Fischerdorf in Norwegen, einen Bauernhof auf Island oder eine kleine Genossenschaft an der schwedischen Küste zurückgehen. „Skandinavisches Stricken“ wird oft als Sammelbegriff verwendet, bezeichnet jedoch eine Reihe eigenständiger regionaler Traditionen. Jede davon wurde durch unterschiedliche Geschichten, verschiedene Schafrassen und spezifische Herausforderungen geprägt, die die Strickerinnen und Stricker zu lösen versuchten. Das Verständnis dafür, wie diese Traditionen zusammenhängen – und worin sie sich grundlegend unterscheiden –, erleichtert es ungemein zu erkennen, was man vor sich hat, wenn man das nächste Mal ein Schneeflockenmotiv oder einen Rundpassenpullover in einem Anleitungsbuch entdeckt.
Dieser Leitfaden ist als Orientierungskarte gedacht, nicht als erschöpfende Geschichte einer einzelnen Tradition. Wir haben (oder werden haben) eigene Vertiefungen zu Selbu-Fäustlingen, der isländischen Lopapeysa und dem Fair-Isle-Stricken an anderer Stelle auf der Website – betrachten Sie dies also als die Übersicht, die die Verbindungen herstellt.
Warum die nordischen Länder zu Strick-Hochburgen wurden
Bevor man die Traditionen vergleicht, hilft es zu verstehen, was sie teilen. Skandinavien und Island sind kalt, historisch ländlich geprägt und stark von der Schafzucht abhängig. Das bedeutete: Wolle war reichlich vorhanden und warme Strickkleidung war ein echtes Überlebenswerkzeug statt eines Hobbys. Das Stricken selbst gelangte im Vergleich zum Mittelmeerraum und dem Nahen Osten relativ spät nach Nordeuropa – norwegische Stricktextilien wurden auf das 16. Jahrhundert datiert. Doch als es einmal Fuß gefasst hatte, verbreitete es sich rasch in den Fischer- und Bauerngemeinden, wo warme, strapazierfähige Kleidung den Unterschied zwischen einem produktiven Winter und einem elenden ausmachen konnte.
Da diese Regionen durch Berge, Fjorde und offenes Meer geographisch voneinander isoliert waren, entwickelten sich lokale Stile weitgehend unabhängig, selbst wenn sie sich über Handelsrouten und die Fischereiwirtschaft des Nordatlantiks gegenseitig beeinflussten. Das ist der Schlüssel zum Verständnis dieses Leitfadens: Diese Traditionen ähneln einander, aber sie sind nicht dasselbe.
Norwegen: Selbu-Sterne und die Setesdal-Lusekofte
Norwegen ist wohl das Land, das am stärksten mit dem zweifarbigen „Schneeflocken-Look“ assoziiert wird, den viele vor Augen haben, wenn sie „skandinavischer Pullover“ hören. Es beherbergt mindestens zwei ausgeprägte regionale Traditionen, die es zu unterscheiden gilt.
Selbu und der achtzackige Stern
Die Region Selbu in der Provinz Trøndelag ist berühmt für ein markantes achtzackiges Sternmotiv, bekannt als *Selburose*. Der lokalen Überlieferung zufolge wird einer jungen Strickerin namens Marit Emstad die Popularisierung des Designs zugeschrieben, nachdem sie es 1857 in ein Paar Fäustlinge einstrickte. Das Muster verbreitete sich Berichten zufolge so schnell durch die umliegenden Täler, dass Selbu alleine schließlich Hunderte eingetragener Fäustling-Varianten hervorbringt. Selbu-Arbeiten werden traditionell in nur Schwarz und Weiß gestrickt, was die grafische Wirkung des Sternmusters auf der natürlichen, ungefärbten Garnbasis noch verstärkt.
Setesdal und die Lusekofte
Weiter südwestlich gab das Setesdal-Tal der *Lusekofte* („Läusejacke“) ihren Namen: einem schwarz-weißen Pullover, der mit kleinen, einzeln gestrickten „Läuse“-Pünktchen übersät und mit geometrischen Borten eingefasst ist, oft verziert mit gestickten Bändern und Zinn-Schließen am Ausschnitt. Während Selbu für ein einzelnes dominantes Sternmotiv bekannt ist, geht es beim Setesdal-Stricken eher um ein insgesamt texturiertes Feld, das durch Borten unterbrochen wird – eine andere visuelle Logik, obwohl die Farbpalette auf den ersten Blick ähnlich wirkt.
Zusammen veranschaulichen Selbu und Setesdal etwas Wichtiges über das norwegische Stricken: Selbst innerhalb eines Landes kann „traditioneller norwegischer Pullover“ zwei visuell verwandte, aber strukturell unterschiedliche Dinge bedeuten. Darüber hinaus gibt es weitere regionale Variationen, wie die Fana-Stile nahe Bergen, die sich darüber legen.
Island: Die Lopapeysa und eine Erfindung des 20. Jahrhunderts
Das isländische Stricken verdient eine eigene Vertiefung auf dieser Website, daher halten wir es hier kurz – aber es ist wichtig zu verstehen, wie es ins nordische Gesamtbild passt, da seine Geschichte sich deutlich von der Norwegens unterscheidet.
Die *Lopapeysa*, Islands Pullover mit Rundpasse, wirkt uralt, ist jedoch eine vergleichsweise junge Entwicklung. Historiker datieren ihr Aufkommen im Allgemeinen auf das frühe bis mittlere 20. Jahrhundert. Sie entstand zum Teil aus dem „Eskimo“-Muster einer norwegischen Designerin aus den 1930er-Jahren, das seinerseits von grönländischer Kleidung inspiriert war. Die eigentliche Innovation der Lopapeysa liegt in ihrem Garn: *Lopi*, ein ungesponnenes isländisches Wollgarn, das mehr Luft einschließt als konventionell gesponnenes Garn und dadurch gemessen an seinem Gewicht ungewöhnlich warm ist. Das dekorative Passenmuster des Pullovers, das nahtlos in Runden gestrickt wird, verknüpfte sich in den Jahren nach der Unabhängigkeit Islands von Dänemark (1944) eng mit der isländischen nationalen Identität – was ihn weniger zu einer hunderte Jahre alten Volkstracht macht als vielmehr zu einem modernen Symbol, das auf älteren Wolltraditionen aufbaute, um etwas Neues zu schaffen.
Diese Unterscheidung ist wichtig, wenn man Traditionen vergleicht: Selbu- und Setesdal-Stricken entwickelten sich allmählich über Generationen innerhalb bestehender Kleidungsformen, während die Lopapeysa noch in lebendiger Erinnerung bewusster zu einem Nationalsymbol geformt wurde.
Schweden: Der genossenschaftliche Luxus von Bohus Stickning
Schwedens bekanntester Beitrag zu dieser Geschichte ist keine über Familien weitergegebene Volkstragition, sondern ein gezieltes Wirtschaftsprojekt. *Bohus Stickning* wurde 1939 von Emma Jacobsson gegründet, deren Ehemann die Region Bohuslän regierte. Das Ziel war, Frauen während einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit um den Zweiten Weltkrieg herum ein verlässliches Einkommen zu verschaffen. Was als einfache Fäustlinge und Socken begann, wuchs zu einer vollwertigen Genossenschaft heran, die Pullover und Jacken in einem unverwechselbaren Stil fertigte: feine Garnstärken aus Angora-Woll-Mischungen, verarbeitet in weichen, ineinanderübergehenden Farbverläufen. Dabei wurden sowohl rechte als auch linke Maschen eingesetzt, um subtile Schattierungseffekte zu erzielen – ganz anders als die kühnen grafischen Kontraste der norwegischen Einstrickarbeit.
Bohus-Kleidungsstücke wurden zu echten Luxusartikeln, die von Filmstars und modischen Kunden international getragen wurden, bevor die Genossenschaft 1969 schloss. Die Kombination aus feinem Garn, gedämpften Paletten und Texturen durch linke Maschen macht Bohus-Arbeiten selbst von weitem leicht von Selbu-, Setesdal- oder Fair-Isle-Arbeiten unterscheidbar: Es ist zweifarbiges Einstricken, aber mit einer völlig anderen Ästhetik.
Die Färöer-Inseln: Tücher von unten nach oben gebaut
Zwischen Norwegen, Island und Schottland gelegen, entwickelten die Färöer-Inseln ihre eigene Wolltradition, angepasst an eine kleine, schafreiche Inselgruppe. Färöische Schultertücher sind der markanteste Export: Anstatt wie die meisten modernen Tücher von oben nach unten gestrickt zu werden, werden sie von unten nach oben ab einem breiten Anschlag konstruiert. Sie werden durch zwei dreieckige Seitenteile und einen trapezförmigen Rückenzwickel geformt, wodurch das Tuch ohne Nadeln perfekt auf den Schultern sitzt. Traditionell kraus rechts aus den natürlichen Braun-, Grau-, Schwarz- und Cremetönen der einheimischen Schafe gestrickt, stellten diese Tücher Passform und Funktion über schrille Farbmuster – eine nützliche Erinnerung daran, dass nicht jede nordische Wolltradition auf Einstrickmustern aufbaut.
Shetlands Fair Isle: Ein naher Verwandter, kein Synonym
Fair-Isle-Stricken ist überhaupt nicht skandinavisch – es stammt von der Insel Fair Isle im schottischen Shetland-Archipel –, aber es ist so eng mit diesem Strickstil verknüpft, dass es in jeden ehrlichen Überblick gehört. Echte Fair-Isle-Arbeit folgt spezifischen Regeln: Nur zwei Farben pro Runde, wobei der Faden über eine begrenzte Maschenzahl mitgeführt wird. Das Gesamtdesign schöpft dabei typischerweise aus einer breiteren Palette von etwa fünf Farben, häufig eingeteilt in Motive wie „Peeries“ und OXO-Formen. Die Technik erlangte weltweite Berühmtheit, nachdem der Prince of Wales 1921 öffentlich Fair-Isle-Pullover trug.
Seit den 1990er-Jahren wird „Fair Isle“ oft lose verwendet, um jedes mehrfarbige Einstrickmuster zu beschreiben, ob skandinavisch oder nicht – genau die Art von Begriffsverwirrung, die dieser Leitfaden entwirren möchte. Fair Isle und norwegisches Sternmuster-Stricken wirken verwandtschaftlich, weil beide auf einer zweifarbigen Rundenkonstruktion basieren, stammen jedoch aus getrennten Insel- und Festlandstraditionen mit ihren eigenen Motivschätzen.
Die Traditionen im Überblick
- Norwegen (Selbu): Markante, kontrastreiche achtzackige Sternmotive, traditionell schwarz und weiß
- Norwegen (Setesdal): Texturierte „Läuse“-Felder mit geometrischen Borten und dekorativen Verzierungen
- Island (Lopapeysa): Runde Einstrickpasse, ungesponnene Lopi-Wolle, ein Nationalsymbol des 20. Jahrhunderts
- Schweden (Bohus): Feines Garn, gedämpfte, schattierte Farbmuster unter Verwendung rechter und linker Maschen
- Färöer-Inseln: Tuchkonstruktion von unten nach oben in natürlichen, ungefärbten Wolltönen
- Shetland (Fair Isle): Zwei Farben pro Runde, etwa fünf Farben insgesamt, geometrische Peerie-Motive
Warum es sich lohnt, den Unterschied zu kennen
Nichts davon ist bloße Theorie. Zu wissen, aus welcher Tradition eine Technik oder ein Motiv stammt, verändert die Art und Weise, wie man sie strickt: Einstrickmuster im Selbu-Stil verlangen nach hohem Kontrast und einem stetigen Zweifarben-Rhythmus; Bohus-Arbeiten belohnen Geduld mit feinem Garn und subtilen Schattierungen; und eine Lopapeysa-Passe ist ebenso eine Lektion in Rundenkonstruktion wie in Farbgestaltung. Die Regionen haben sich ständig voneinander inspiriert – Wollhändler, Seeleute und Musterbücher bewegten sich ununterbrochen im Nordatlantik. Daher ist es zutreffender, diese Traditionen als verwandte Dialekte derselben großen Sprache zu verstehen denn als hermetisch abgeriegelte nationale Stile.
Wenn eine dieser Traditionen Ihr Interesse geweckt hat, ist das genau der Zweck eines solchen Leitfadens: Nutzen Sie ihn als erste Orientierungskarte und suchen Sie anschließend nach den detaillierten Anleitungen und Technik-Aufschlüsselungen für die Tradition, die Sie am meisten begeistert.





