# Zunahmen und Abnahmen beim Stricken: Ein vollständiger Leitfaden zur Technik
Wenn Sie schon einmal bei einem Raglanpullover oder einem Ajourmuster-Tuch ins Stocken geraten sind, weil die Anleitung plötzlich „ssk“ oder „M1L“ verlangte, sind Sie in guter Gesellschaft. Zunahmen und Abnahmen sind die Werkzeuge, die ein flaches Strickrechteck in eine Fersenwand, eine Kugel-Ärmelform, eine Passform-Raglanschulter oder ein Lochmuster-Blatt verwandeln. Sobald Sie verstehen, was jede Masche tatsächlich mit Ihrem Gestrick macht – und ebenso wichtig, in welche Richtung sie sich neigt –, hören Sie auf, Formgebungsanleitungen als Rätsel zu betrachten, und nutzen sie stattdessen als bewusstes Designwerkzeug.
Dieser Ratgeber führt Sie durch die häufigsten Zunahmen und Abnahmen beim Stricken, erklärt die Mechanik dahinter und zeigt Ihnen, wie Sie die richtige Masche für die jeweilige Passformsituation auswählen.
Warum die Maschenwahl wichtiger ist als gedacht
Jede Zunahme fügt Ihrer Reihe eine Masche hinzu; jede Abnahme entfernt eine. Doch nicht alle Zunahmen oder Abnahmen sehen gleich aus oder verhalten sich identisch. Manche sind nahezu unsichtbar und fügen sich nahtlos in glatt rechtes Gestrick ein. Andere erzeugen eine sichtbare Linie, einen Grat oder ein Loch, das selbst zu einem Gestaltungselement wird (denken Sie an Lochmuster-Ösen). Und entscheidend ist: Die meisten Abnahmen neigen sich entweder nach links oder nach rechts – ähnlich wie der diagonale Strich im Buchstaben „V“ auf der linken Seite nach rechts und auf der rechten Seite nach links geneigt ist.
Diese Neigung ist das Detail, das ein professionell verarbeitetes Kleidungsstück von einem unterscheidet, das irgendwie „nicht ganz stimmig“ wirkt. Bei einem Raglanpullover, einer V-Ausschnitt-Strickjacke oder einer eingesetzten Ärmelkugel formen Sie fast immer gegengleich (gespiegelt) – Sie nehmen nahe denselben zwei Punkten auf gegenüberliegenden Seiten des Werkstücks Maschen zu oder ab. Wenn Sie auf beiden Seiten eine rechtsgeneigte Abnahme verwenden, anstatt eine links- mit einer rechtsgeneigten zu paaren, hat das Gestrick zwar weiterhin die korrekte Breite, aber die diagonalen Linien der Formgebung zeigen in dieselbe Richtung, anstatt sich zu spiegeln. Das Teil wirkt dadurch asymmetrisch, obwohl die Maschenzahlen perfekt übereinstimmen.
Zunahmen: Maschen unsichtbar (oder bewusst sichtbar) hinzufügen
Umschlag (yo / yarn over)
Ein Umschlag ist die einfachste Zunahme beim Stricken: Sie legen den Arbeitsfaden über die rechte Nadel, bevor Sie die nächste Masche arbeiten. Dadurch entsteht eine zusätzliche Schlinge ohne darunterliegende Masche. Einzeln gestrickt hinterlässt dies ein sichtbares Loch – genau deshalb ist der Umschlag das Rückgrat von Lace- und Lochmustern. Ein Umschlag ist niemals unsichtbar, und das ist auch der Zweck: Verwenden Sie ihn immer dann, wenn die Anleitung dekorative Durchbrüche verlangt, nicht jedoch, wenn Sie eine unauffällige Formgebung in glatt rechtem Gestrick benötigen.
Aus einer Masche zwei herausstricken (kfb / knit front and back)
Ebenfalls als „kf&b“ oder „inc1“ bezeichnet, wird bei dieser Zunahme zweimal in dieselbe Masche gestrickt: Zuerst ganz normal rechts, ohne sie von der linken Nadel gleiten zu lassen, und danach noch einmal rechts verschränkt in das hintere Maschenglied derselben Masche. Aus einer Masche werden zwei. Kfb ist schnell und anfängerfreundlich, hinterlässt jedoch einen kleinen horizontalen Querfaden – ein winziges Knötchen, das wie eine linke Masche direkt über der Zunahme liegt. Dieser Querfaden macht kfb optisch leicht erkennbar. Bei kraus rechtem Gestrick oder Strukturmustern fügt sich das Knötchen gut ein, für glattes Gestrick ist kfb jedoch eine unruhige Wahl.
Zunahme aus dem Querfaden (M1L und M1R / Make One Left / Right)
Die Zunahmen aus dem Querfaden („Make One“) sind die erste Wahl, wenn Sie eine Zunahme wünschen, die in glatt rechtem Gestrick nahezu unsichtbar ist. Sie arbeiten sie, indem Sie den horizontalen Faden zwischen der soeben gestrickten und der nächsten Masche auf der Nadel anheben, auf die linke Nadel legen und verschränkt bzw. rechts abstricken – Sie stricken also quasi in den Zwischenraum zweier Maschen.
Die Richtung, aus der Sie den Querfaden anheben, und welches Maschenglied Sie abstricken, bestimmt die Neigung:
- M1L (Make 1 Left / linksgeneigt): Stechen Sie mit der linken Nadel von vorne nach hinten unter den Querfaden und stricken Sie ihn durch das hintere Maschenglied rechts ab. Die Masche neigt sich nach links.
- M1R (Make 1 Right / rechtsgeneigt): Stechen Sie mit der linken Nadel von hinten nach vorne unter den Querfaden und stricken Sie ihn durch das vordere Maschenglied rechts ab. Die Masche neigt sich nach rechts.
Eine Eselsbrücke auf Englisch: „M1R“ holt den Faden von hinten („back“) und wird vorne gestrickt; „M1L“ holt ihn von vorne („front“) und wird hinten verschränkt gestrickt. Da M1L und M1R spiegelbildlich sind, bilden sie das Standardpaar für symmetrische Formgebungen – etwa bei einer Raglannaht, bei der M1L links und M1R rechts der Nahtlinie gearbeitet wird.
Hochgehobene Zunahmen (LLI und RLI / Lifted Increases)
Eine hochgehobene Zunahme erzeugt eine neue Masche, indem in das Maschenglied einer Masche der darunterliegenden Reihe gestrickt wird. Da sie echtes Maschengewebe nutzt statt der Fadenspannung zwischen zwei Maschen, ist eine hochgehobene Zunahme oft noch unauffälliger als M1. Sie ist daher bei feinen Garnen oder stark sichtbaren Passformlinien sehr beliebt. Wie die Querfaden-Zunahmen gibt es sie als links- und rechtsgeneigte Variante (LLI und RLI), die ebenso paarweise eingesetzt werden.
Abnahmen: Maschen mit Richtung und Struktur reduzieren
2 Maschen rechts zusammenstricken (k2tog / knit 2 together)
Die häufigste Abnahme beim Stricken: k2tog bedeutet schlicht, mit der rechten Nadel gleichzeitig durch zwei Maschen wie durch eine einzelne zu stechen und sie zusammen rechts abzustricken. Das Ergebnis neigt sich nach rechts: Die Masche, die sich links befand, legt sich über die rechte Masche. Da k2tog schnell geht und eine saubere Linie bildet, ist es die Standardabnahme am Ende einer Hinreihe auf der rechten Werkstückkante.
2 Maschen rechts überzogen zusammenstricken (ssk / slip, slip, knit)
SSK ist das spiegelbildliche Pendant zu k2tog. Sie heben zwei Maschen nacheinander wie zum Rechtsstricken auf die rechte Nadel ab, stechen dann mit der linken Nadel von vorne durch beide abgehobenen Maschen und stricken sie zusammen rechts ab. Das Ergebnis neigt sich nach links. Falls Ihnen die Standard-ssk-Abnahme etwas unruhig erscheint, können Sie die erste Masche wie zum Rechtsstricken und die zweite wie zum Linksstricken abheben; das sorgt oft für ein noch gleichmäßigeres Maschenbild.
Da k2tog nach rechts und ssk nach links neigt, bildet dieses Paar das klassische Duo für symmetrische Abnahmen: Arbeiten Sie ssk nahe dem Reihenanfang und k2tog nahe dem Reihenende, laufen die Abnahmelinien spiegelbildlich aufeinander zu oder voneinander weg.
Doppelabnahmen: sk2p und k3tog
Manchmal müssen zwei Maschen auf einmal reduziert werden, beispielsweise in der Mitte eines V-Ausschnitts oder an der Spitze eines Lace-Motivs.
- K3tog (3 Maschen rechts zusammenstricken) fasst drei Maschen auf einmal zusammen. Sie neigt sich nach rechts wie k2tog, ist schnell gestrickt, aber nicht zentriert.
- SK2P (1 Masche wie zum Rechtsstricken abheben, 2 Maschen rechts zusammenstricken, abgehobene Masche darüberziehen) reduziert zwei Maschen und hält die Abnahmelinie nahezu vertikal. Sie wird häufig für zentrierte Doppelabnahmen verwendet, bei denen die Linie exakt in der Mitte verlaufen soll.
Die passende Zunahme oder Abnahme wählen
| Technik | Abkürzung | Optische Neigung / Wirkung | Am besten geeignet für |
|---|---|---|---|
| Umschlag | yo | Erzeugt ein Loch; keine Neigung | Lace, Lochmuster, dekorative Muster |
| Aus einer Masche 2 herausstricken | kfb | Kleines horizontales Knötchen über der Masche | Kraus rechts, Strukturmuster, Einsteigerprojekte |
| Zunahme linksgeneigt | M1L | Neigt sich nach links, fast unsichtbar | Paarweise Zunahmen (linke Raglankante/V-Ausschnitt) |
| Zunahme rechtsgeneigt | M1R | Neigt sich nach rechts, fast unsichtbar | Paarweise Zunahmen (rechte Raglankante/V-Ausschnitt) |
| Hochgehobene Zunahme (links) | LLI | Neigt sich nach links, sehr dezent | Feines Maschenbild, Ärmelkugeln |
| Hochgehobene Zunahme (rechts) | RLI | Neigt sich nach rechts, sehr dezent | Feines Maschenbild, Ärmelkugeln |
| 2 Maschen rechts zusammenstricken | k2tog | Neigt sich nach rechts | Rechte Kantenformung, einfache Abnahmen |
| 2 Maschen rechts überzogen zusammenstricken | ssk | Neigt sich nach links | Linke Kantenformung, gepaart mit k2tog |
| 3 Maschen rechts zusammenstricken | k3tog | Neigt sich nach rechts (Doppelabnahme) | Schnelle Doppelabnahme, wenn Seitenneigung passt |
| 1 abheben, 2 zusammenstricken, abgehobene darüberziehen | sk2p | Nahezu vertikal (zentrierte Doppelabnahme) | Zentrierte Abnahmen, V-Ausschnitt-Mittelachsen |
Als Faustregel gilt: Verwenden Sie einen Umschlag nur, wenn das Loch gewollt ist; nutzen Sie kfb bei Strukturmustern, in denen das kleine Knötchen nicht stört; und greifen Sie zu M1L/M1R oder hochgehobenen Zunahmen, wenn die Formgebung in glatt rechtem Gestrick unsichtbar bleiben soll. Für Abnahmen bleiben k2tog und ssk Ihr Standardpaar für symmetrische Teile.
Sobald Sie gezielt hinterfragen, ob eine Formgebung sichtbar oder unsichtbar sein soll und ob sie spiegelbildlich aufgebaut werden muss, wird die Wahl der richtigen Technik zur Routine.
