# Ein vollständiger Ratgeber zu Strickfasern: Wolle, Baumwolle, Alpaka und mehr
Wer im Handarbeitsgeschäft vor dem Garnregal steht, merkt schnell: Knäuel ist nicht gleich Knäuel. Manche Garne fühlen sich elastisch und spritzig an. Andere fallen fließend wie Wasser. Einige schreien förmlich nach einer gemütlichen Mütze, während andere perfekt für ein sommerliches Top wirken. Dahinter steckt das Faser-Material – und wer es versteht, wählt Garn nicht mehr nach dem Zufallsprinzip, sondern mit klarem Plan.
Dieser Ratgeber stellt Ihnen die gängigsten Garnfasern vor, erläutert deren Eigenschaften und hilft Ihnen, das optimale Faser-Material für Ihr nächstes Strickprojekt auszuwählen.
Warum das Garnmaterial wichtiger ist als Sie denken
Jede Faser besitzt ihren eigenen Charakter, geformt durch die Struktur der einzelnen Stränge. Manche Fasern sind von Natur aus elastisch, sodass Bündchen elastisch bleiben und Pullover ihre Form behalten. Andere haben kaum Dehnung, weshalb sie für fließende Kleidung geschätzt werden. Einige speichern Körperwärme optimal, während andere Feuchtigkeit ableiten und kühl auf der Haut liegen.
Das Wissen um diese Eigenschaften hilft Ihnen, die entscheidenden Fragen direkt am Garnregal zu beantworten: Kratzt das Material auf empfindlicher Haut? Hält es dem Alltag eines Kleinkinds stand? Bleibt das Strickstück nach vielen Wäschen in Form oder leiert es aus? Das Etikett zu lesen ist gut – diesen Ratgeber zu kennen, macht die Angaben auf dem Etikett verständlich.
Tierische Fasern: Wärme, Elastizität und zarter Flausch
Wolle
Wolle ist der Klassiker unter den Garnen. Sie stammt vom Schaf und reicht je nach Rasse von rustikal-robust bis butterweich. Wollfasern sind natürlich gekräuselt. Das schließt Luft ein und sorgt für hervorragende Isolation. Dieselbe Kräuselung verleiht Wolle ihre charakteristische Elastizität: Maschen springen in ihre Ursprungsform zurück, was Wolle besonders fehlerverzeihend für Anfänger macht und ideal für formstabile Rippenbündchen, Mützen sowie Fäustlinge.
Wolle ist zudem ein hervorragender Temperaturregulierer. Sie kann viel Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen. Verschiedene Schafrassen liefern sehr unterschiedliche Qualitäten: Merinowolle ist fein und weich, perfekt für Kleidung mit direktem Hautkontakt; Shetland- und rustikale Wolleinheiten sind robuster und bestens für Jacken oder Einstrickmuster geeignet; Allround-Rassen wie Corriedale liegen dazwischen.
In puncto Pflege benötigt die meiste Wolle sanfte Handwäsche oder den Wollwaschgang mit kaltem Wasser. Hitze und Reibung sorgen dafür, dass die Schuppen der Faser verfilzen – ein Vorgang, der sich nicht rückgängig machen lässt. Eine Anmerkung zu Allergien: Echte Wollallergien sind selten. Meist reagiert empfindliche Haut schlicht auf die gröberen Faserenden oder gelegentlich auf verbliebenes Lanolin (Wollfett). Weichere, feine Wolle wie Merino verursacht deutlich weniger Hautreizungen.
Bestens geeignet für: Pullover, Mützen, Fäustlinge, Socken, Fair-Isle-Muster
Alpaka
Alpakafaser stammt vom Alpaka und ist oft die erste Empfehlung für Strickende, denen Schafwolle zu kratzig ist. Alpaka enthält kein Lanolin und ist daher meist sehr sanft zu empfindlicher Haut. Zudem isoliert die hohle Faserstruktur Wärme noch besser als Schafwolle.
Der Kompromiss liegt in der Elastizität: Alpaka besitzt deutlich weniger Rücksprungkraft als Wolle, weshalb sich schwere Kleidungsstücke mit der Zeit aushängen können. Viele Hersteller mischen Alpaka mit Wolle, um die Weichheit von Alpaka mit der Formstabilität von Wolle zu kombinieren.
Bestens geeignet für: Schals, Loops, Tücher und Mischgarne für Pullover
Mohair
Mohair stammt von der Angoraziehe und ist an seinem typischen flauschigen Heiligenschein („Halo“) erkennbar – lange, seidige Fasern, die einen zarten Flausch um das Gestrick legen. Es ist warm, überraschend leicht und verleiht Projekten eine besondere Textur.
Mohair wird meist als feiner Faden gesponnen und zusammen mit einem Beilaufgarn (oft Wolle oder Seide) verstrickt. Da die Fasern aneinander haften, ist das Aufribbeln („Frogging“) schwieriger als bei glatten Garnen. Etwas Geduld beim Stricken zahlt sich hier aus.
Bestens geeignet für: Tücher, leichte Zwiebellook-Teile, Flausch-Effekte in Mischgarnen
Kaschmir
Kaschmir wird aus dem feinen Unterfell der Kaschmirziehe gewonnen und gilt als eine der edelsten Fasern überhaupt. Es ist extrem weich und leicht bei hoher Wärmeleistung. Da die einzelnen Fasern jedoch kürzer und empfindlicher sind als Schafwolle, neigt Kaschmir eher zu Pilling und verlangt schonende Pflege.
Bestens geeignet für: Accessoires und kleine Luxusprojekte – Mützen, Loops und Bündchen mit direktem Hautkontakt
Seide
Seide ist zwar eine tierische Faser (vom Seidenspinner erzeugt), verhält sich beim Stricken jedoch eher wie eine Pflanzenfaser: glatt, mit edlem Glanz, sehr wenig Elastizität und einem fließenden Fall. In Mischungen sorgt Seide für Festigkeit und Glanz. Pur verstrickt ergibt sie elegante, fließende Stoffe, verzeiht jedoch Unregelmäßigkeiten in der Fadenspannung weniger leicht.
Bestens geeignet für: Edle Tücher, sommerliche Festkleidung, Glanz-Effekte in Wolle- oder Baumwoll-Mischungen
Pflanzliche Fasern: Atmungsaktiv und kühl
Baumwolle
Baumwolle ist der pflanzliche Tausendsassa für Sommerkleidung, Babykleidung und Spültücher. Sie ist atmungsaktiv, strapazierfähig und maschinenwaschbar. Da Baumwolle kaum elastisch ist, fühlt sie sich auf den Nadeln fest an und zeigt Unregelmäßigkeiten in der Fadenspannung deutlicher als Wolle.
Da reine Baumwolle keine Rücksprungkraft besitzt, können Bündchen und Passformen mit der Zeit ausleiern. Deshalb wird Baumwolle für formstabilere Kleidung oft mit elastischen Fasern gemischt.
Bestens geeignet für: Spültücher, Sommertops, Babykleidung, Taschen
Leinen
Leinen wird aus der Flachspflanze gewonnen und ist noch weniger elastisch als Baumwolle. Dafür punktet es mit extremer Haltbarkeit und Atmungsaktivität. Leinen wird mit jeder Wäsche weicher. Frisch von der Nadel wirkt es oft etwas steif, entwickelt aber durch Tragen und Waschen einen wunderschönen, edlen Fall.
Bestens geeignet für: Sommertops, Einkaufsnetze, Heimtextilien, Leinenmischungen für Sommerkleidung
Synthetikfasern: Preiswert und praktisch
Acryl
Acryl ist eine Kunstfaser, die entwickelt wurde, um die Wärme und Elastizität von Wolle preiswert nachzubilden. Moderne Acrylgarne sind längst nicht mehr steif oder kratzig. Sie bieten praktische Vorteile: Sie sind pflegeleicht, maschinenwaschbar und trocknergeeignet, mottenfest, farbecht und verfilzen nicht. Das macht sie beliebt für Babykleidung, Decken und Alltagskleidung.
Zudem ist Acryl hypoallergen. Nachteile sind die geringere Atmungsaktivität im Vergleich zu Naturfasern sowie die Hitzeempfindlichkeit (kann bei hoher Bügeltemperatur schmelzen).
Bestens geeignet für: Decken, Spielzeug, Babykleidung, preiswerte Alltagskleidung
Mischgarne: Das Beste aus beiden Welten
Viele Garne kombinieren verschiedene Fasern, um Vorteile zu vereinen und Schwächen auszugleichen. Eine Wolle-Alpaka-Mischung bringt die Weichheit von Alpaka mit der Formstabilität von Wolle zusammen. Baumwolle-Acryl verbindet Atmungsaktivität mit Pflegeleichtigkeit. Wolle-Seide bietet Elastizität mit seidigem Glanz. Der Blick auf die Materialzusammensetzung verrät viel darüber, wie sich das spätere Gestrick verhalten wird.
Faser-Vergleichstabelle
| Faser | Wärme | Elastizität | Haltbarkeit | Pflege | Bestens geeignet für |
|---|---|---|---|---|---|
| Wolle (allgemein) | Hoch | Hoch | Hoch | Handwäsche / Wollwaschgang kalt | Pullover, Mützen, Fäustlinge, Muster |
| Merinowolle | Hoch | Hoch | Mittel-Hoch | Handwäsche / Wollwaschgang | Kleidung mit Hautkontakt, Babybekleidung |
| Alpaka | Sehr hoch | Niedrig | Mittel | Handwäsche, liegend trocknen | Schals, Loops, Tücher |
| Mohair | Hoch | Niedrig | Mittel | Schonenende Handwäsche | Tücher, Flausch-Effekte, leichte Schichten |
| Kaschmir | Hoch | Niedrig-Mittel | Niedrig-Mittel (Pilling-neigung) | Sehr schonende Handwäsche | Luxus-Accessoires, Mützen, Bündchen |
| Seide | Mittel | Sehr niedrig | Mittel | Handwäsche oder Reinigung | Fließende Tücher, Glanz-Mischungen |
| Baumwolle | Niedrig | Sehr niedrig | Hoch | Maschinenwaschbar | Spültücher, Sommertops, Babybekleidung |
| Leinen | Niedrig | Sehr niedrig | Sehr hoch | Maschinenwaschbar, wird weicher | Sommerkleidung, Taschen, Heimtextilien |
| Acryl | Mittel | Mittel | Hoch | Maschinenwaschbar/Trocknergeeignet | Decken, Spielzeug, Alltagskleidung |
So wählen Sie die richtige Faser für Ihr nächstes Projekt
Gehen Sie vom Verwendungszweck aus: Soll das Kleidungsstück im tiefen Winter wärmen, häufige Wäschen aushalten oder als leichtes Sommertop dienen? Nutzen Sie bei strukturorientierten Mustern (Rippen, Zöpfe) elastische Fasern wie Wolle. Für fließende Schnitte eignen sich Baumwolle, Leinen, Seide oder Alpaka.
Bedenken Sie auch die Trägerin oder den Träger: Bei empfindlicher Haut sind Alpaka, feine Merinowolle, Baumwolle oder Acryl eine gute Wahl. Ein kleines Teststück, das einen Tag am Handgelenk getragen wird, gibt Sicherheit vor Arbeitsbeginn.
Quellen
- Fiber Content and Choosing the Right Yarn for Your Project – The Knitting Guild Association
- Yarn Fiber Properties: A Crafter's Complete Guide – Lion Brand
- Complete Guide To Yarn: Fiber, Spin, Weight + More – Purl Soho
- Better Know a Sheep: Breeds and Yarns – Modern Daily Knitting
- Alpaca Wool Allergy: Symptoms, Treatment, Hypoallergenic Advantages – Wyndly





