Wenn man zum ersten Mal auf eine Strickschrift (auch Chart genannt) blickt, kann sie wie ein Kreuzworträtsel in einer fremden Sprache wirken: Reihen voller Kästchen, Punkte, Striche und Kreise, ohne offensichtlichen Anfang. Doch eine Strickschrift ist kein Geheimcode, sondern eine Karte. Jedes Kästchen steht für eine Masche, und jedes Symbol zeigt deinen Händen genau, was mit dieser Masche zu tun ist. Sobald diese Logik einmal verstanden ist, finden viele Strickende Strickschriften einfacher zu befolgen als ausgeschriebene Anleitungen, weil man das Muster beim Arbeiten direkt wachsen sieht.
Dieser Leitfaden konzentriert sich auf die visuelle Seite des Lesens von Strickschriften – in welche Richtung die Reihen gelesen werden, was das Raster darstellt und was die häufigsten Symbole bedeuten. Wenn du auch eine Auffrischung zu ausgeschriebenen Abkürzungen wie „2 M re zus“ oder „ssk“ suchst, findest du diese in unserem begleitenden Ratgeber zum Lesen von Strickanleitungen.
Was eine Strickschrift eigentlich ist
Eine Strickschrift ist ein Raster, in dem jedes Kästchen genau eine Masche darstellt. Das Symbol im Kästchen sagt dir, was du mit dieser Masche tun sollst. Oft sind die Symbole so gezeichnet, dass sie an das Aussehen der fertigen Masche erinnern – ein leeres Kästchen für die glatteste, einfachste Masche, ein Punkt oder Strich für etwas Strukturierteres.
Jede Strickschrift enthält eine Legende (Zeichenerklärung), die genau angibt, was jedes Symbol im jeweiligen Muster bedeutet. Symbole sind in der Strickwelt nicht vollständig standardisiert. Daher kann ein Symbol in der Strickschrift eines Designers leicht von derselben Form bei einem anderen abweichen. Der Vorteil ist jedoch, dass eine kleine Gruppe von Symbolen immer wieder auftaucht. Wenn du die gängigen Formen kennst, besteht das Lesen einer neuen Legende meist nur aus schnellem Wiedererkennen.
Strickschriften sind besonders beliebt für Lochmuster (Lace) und Zopfmuster, weil sie die Form eines Motivs auf einen Blick erkennbar machen – ein Zopfmuster-Abschnitt, der sonst mehrere Zeilen Text erfordern würde, wird zu einem einzigen Bild, das du visuell mit deinem Gestrick abgleichen kannst.
In welche Richtung liest man eine Strickschrift?
Das ist der Punkt, der die meisten Anfänger stolpern lässt, und er ist konsistent genug, dass es sich lohnt, ihn einzuprägen.
Strickschriften werden immer von unten nach oben gelesen. Reihe 1 befindet sich ganz unten, und jede weitere Reihe baut darauf auf – genau so, wie dein Gestrick auf den Nadeln nach oben wächst.
Die Leserichtung innerhalb jeder Reihe hängt davon ab, wie du strickst:
- In Reihen (hin und her auf Reihen- oder Rundstricknadeln): Hinreihen (Vorderseite) liest man von rechts nach links; Rückreihen (Rückseite) liest man von links nach rechts. Das spiegelt den tatsächlichen Weg des Fadens wider – du arbeitest eine Hinreihe von rechts nach links, wendest die Arbeit und näherst dich denselben Maschen nun von der linken Seite.
- In Runden (auf Rundstricknadeln oder Nadelspielen): Da die Arbeit nie gewendet wird, zeigt immer die Vorderseite zu dir. Jede Runde wird daher durchgehend von rechts nach links gelesen, ohne Richtungswechsel.
Die Reihennummern an den Rändern der Strickschrift sind dein Orientierungspunkt: Bei einer Strickschrift für Reihen stehen ungerade Zahlen typischerweise am rechten Rand und gerade Zahlen am linken Rand. Sie zeigen dir somit an, an welcher Seite jede Reihe beginnt. Manche Strickschriften bilden nur Hinreihen ab (häufig, wenn Rückreihen einfach nur „links durchgestrickt“ werden) und überlassen den Rest dem geschriebenen Text.
Eine weitere Besonderheit: In einer Rückreihe kann ein Symbol seine Bedeutung umkehren. Ein leeres Kästchen bedeutet auf der Hinreihe vielleicht „rechte Masche“, auf der Rückreihe aber „linke Masche“, da das Links-Stricken auf der Rückseite eine rechte Masche auf der Vorderseite des Gestracks erzeugt. Du musst das nicht auswendig lernen – eine gute Zeichenerklärung gibt dies direkt an.
Rapporte und Abschnitte lesen
Viele Strickschriften heben einen Bereich von Maschen durch einen fett umrandeten oder schattierten Kasten hervor. Dieser Bereich soll über die Reihe hinweg wiederholt werden (Rapport). Stricke alle Maschen außerhalb des Kastens einmal – das sind meist Randmaschen –, wiederhole dann alles innerhalb des Kastens so oft wie angegeben, und beende die Reihe mit den verbleibenden Maschen. Das Setzen von Maschenmarkierern zu Beginn jedes Rapports hilft dabei, im Muster zu bleiben.
Lochmuster-Strickschriften enthalten manchmal graue oder schwarze Kästchen. Das sind keine Maschen – sie markieren Stellen, an denen sich die Maschenzahl durch eine Abnahme an anderer Stelle in der Reihe vorübergehend verringert hat. Überspringe diese Kästchen einfach.
Gängige Symbole in Strickschriften
Die Stile variieren je nach Designer, aber diese Symbole sind weit genug verbreitet, um dich durch die meisten Strickschriften zu führen. Bestätige die Bedeutung dennoch immer in der Legende des jeweiligen Musters.
| Symbol (typisches Aussehen) | Masche | Aussehen auf deinen Nadeln |
|---|---|---|
| Leeres Kästchen | Rechte Masche (auf Hinr.) | Ein glattes „V“ – die klassische rechte Masche |
| Punkt oder waagerechter Strich | Linke Masche (auf Hinr.) | Ein kleiner waagerechter Knoten/Bogen |
| Offener Kreis | Umschlag (yo) | Ein Lochmuster-Ösenloch; nimmt eine Masche zu |
| Diagonale nach rechts ( / ) | Nach rechts geneigte Abnahme (z. B. 2 M re zus) | Zwei zusammengefasste Maschen, oberste Masche neigt sich nach rechts |
| Diagonale nach links ( \ ) | Nach links geneigte Abnahme (z. B. ssk / 2 M re verschränkt zus) | Zwei zusammengefasste Maschen, oberste Masche neigt sich nach links |
| Zwei sich kreuzende Diagonalen | Zopfkreuzung | Maschen tauschen die Position, es entsteht eine Drehung |
| Schattiertes oder schwarzes Kästchen | Keine Masche | Überspringen – Maschenzahl hat sich hier verringert |
| Fett umrandetes Kästchen | Rapport-Abschnitt | Die umrandeten Maschen so oft wie angegeben arbeiten |
Bei Zopfmustern zeigt das Symbol zwei sich kreuzende Diagonallinien. Die durchgehend gezeichneten Linien gekreuzt verlaufen vorne; die unterbrochenen Linien verlaufen dahinter. Die Richtung, in die sich die obersten Linien neigen – nach links oder rechts –, gibt die Drehrichtung des Zopfs an. Die Anzahl der Maschen an der Basis jedes Paares verrät dir, wie viele Maschen auf jeder Seite beteiligt sind (z. B. ein 2-über-2-Zopf gegenüber einem 1-über-3-Zopf). Da das Symbol das Aussehen des fertigen Zopfs widerspiegelt, können die meisten Strickenden die Form mit etwas Übung sehr schnell visuell erfassen.
Anwendungsbeispiel: Eine kleine Strickschrift lesen
Hier ist eine einfache Strickschrift über vier Reihen und sechs Maschen in Reihenarbeit, die rechte Maschen mit einem Umschlag-Abnahme-Paar kombiniert. Die Legende definiert ein leeres Kästchen als rechte M auf Hinr. / linke M auf Rückr., einen Kreis als Umschlag und einen Schrägstrich nach rechts als 2 M re zus.
Gelesen von unten nach oben:
- Reihe 1 (Hinr.): alle 6 Maschen rechts stricken
- Reihe 2 (Hinr.): 2 M re, 1 Umschlag, 2 M re zus, 2 M re
- Reihe 3 (Rückr.): alle 6 Maschen links stricken
- Reihe 4 (Hinr.): alle 6 Maschen rechts stricken
Zur Ausführung: Starte Reihe 1 am rechten Rand der Strickschrift (eine Hinreihe) und stricke hinüber. Wende. Reihe 2 (in diesem Beispiel ebenfalls als Hinreihe dargestellt) beginnt wieder von rechts: zwei rechts, Umschlag, 2 M re zusammenstricken, zwei rechts – Umschlag und Abnahme gleichen sich aus, sodass die Maschenzahl bei sechs bleibt, während ein kleines Loch entsteht. Wende. Reihe 3 (eine Rückreihe) wird von links nach rechts gelesen: alle Maschen links stricken. Wende und stricke Reihe 4 glatt rechts durch, um abzuschließen.
Achte auf das Zickzack-Muster – von rechts nach links, dann von links nach rechts, dann wieder von rechts nach links – das genau dem Weg deiner Nadeln entspricht. Dieses Zickzack ist das ganze Geheimnis von Strickschriften in Reihenarbeit. In Runden gestrickt würde jede Reihe derselben Strickschrift einfach von rechts nach links gelesen.
Tipps für den sicheren Umgang mit Strickschriften
- Vergrößere oder drucke deine Strickschrift aus, damit du deine Position Reihe für Reihe markieren kannst, ohne mitten in der Runde den Faden zu verlieren.
- Verfolge deine Reihe mit einem Haftnotizblock oder einem Magnetstreifen, den du Reihe für Reihe nach oben schiebst.
- Lies eine komplette Reihe durch, bevor du sie strickst, um die Symbole in eine mentale Handlungsliste zu übersetzen, anstatt Masche für Masche zwischen Bild und Nadeln zu springen.
- Prüfe die Zeichenerklärung bei jedem neuen Muster, selbst bei vertraut wirkenden Symbolen – kleine Abweichungen zwischen Designern sind eine häufige Ursache für Lesefehler.
- Übe auf einem kleinen Probestück, bevor du dich an ein komplexes Zopf- oder Lochmuster wagst, um Selbstvertrauen aufzubauen.
Strickschriften belohnen etwas Geduld zu Beginn. Die Richtungsregeln und Symbolformen fühlen sich für ein oder zwei Projekte wie neue Informationen an, werden dann aber genauso automatisch wie das Lesen geschriebener Abkürzungen – und erweisen sich für viele Schaffende schließlich als der schnellere und intuitivere Weg, einem Muster zu folgen.
