# Maschen herausstricken beim Stricken
Wenn Sie jemals einen Pulloverrumpf fertiggestellt haben und dann ratlos vor dem Halsausschnitt saßen, kennen Sie den Moment: In der Anleitung steht „84 Maschen gleichmäßig aus dem Halsausschnitt herausstricken“, und Sie wissen im ersten Augenblick gar nicht, wo Sie die Nadel ansetzen sollen. Maschen herausgestricken (auch Maschen auffassen genannt) ist eine jener Techniken, die von außen kompliziert wirken, aber schnell in Fleisch und Blut übergehen, sobald man das Prinzip verstanden hat: Sie bilden neue funktionale Maschen, indem Sie Garnschlaufe für Garnschlaufe durch eine bestehende Kante ziehen, um von dort aus weiterzustricken.
Sie benötigen diese Fähigkeit dauernd: Knopfleisten, Halsbündchen, Ärmelbündchen, Fersenspickel und nachträglich eingesetzte Taschen basieren alle darauf. Die Grundbewegung bleibt immer dieselbe. Was sich ändert, ist die Art der Kante, an der Sie arbeiten, und wie viele Maschen Sie im Verhältnis zu den vorhandenen Reihen oder Maschen auffassen. Stimmt dieses Verhältnis, liegt Ihre Blende flach an. Stimmt es nicht, wellt sich das Gestrick oder zieht sich unschön zusammen.
Gehen wir die verschiedenen Kanten Schritt für Schritt durch.
Was „Maschen herausstricken“ bedeutet
Bevor Sie zur Nadel greifen, hilft ein Blick auf die Mechanik: Maschen herausstricken bedeutet, dass Sie mit einer Nadel (oder Häkelnadel) in das Gestrick stechen, den Arbeitsfaden um die Nadel legen und eine Schlaufe nach vorne durchziehen – genau wie bei einer rechten Masche, nur dass Sie nicht aus einer anderen Masche, sondern direkt aus der Kante heraus arbeiten. Jede durchgezogene Schlaufe wird zu einer neuen aktiven Masche auf Ihrer Nadel.
Der Schlüssel liegt darin, genau zu wissen, wo Sie einstechen müssen – denn das unterscheidet sich je nachdem, ob Sie an einer abgeketteten Kante, einer vertikalen Reihenkante oder einem geschwungenen Ausschnitt arbeiten.
Maschen an einer waagerechten abgeketteten Kante herausstricken
Eine abgekettete Kante – wie die obere Kante eines Rückenteils – ist der einfachste Ort zum Maschenherausstricken, da jede abgekettete Masche einen klaren Einstichpunkt bietet.
Schritt für Schritt:
- Halten Sie die Vorderseite (rechte Seite) Ihres Gestricks zu sich gerichtet und suchen Sie die V-förmigen Maschen direkt unterhalb der Abkettkante.
- Stechen Sie mit der Nadel von vorne nach hinten durch die Mitte des ersten V ein, direkt unter der Abkettkette.
- Legen Sie den Arbeitsfaden wie zum Rechtsstricken um die Nadel und ziehen Sie eine Schlaufe nach vorne durch. Diese Schlaufe ist Ihre neue Masche.
- Gehen Sie zum nächsten V über und wiederholen Sie den Vorgang – eine neue Masche pro bestehender Masche.
Da eine abgekettete Kante bereits genau eine Masche pro Maschenplatz aufweist, gilt hier in der Regel ein 1:1-Verhältnis (1 herausgestrickte Masche pro abgeketteter Masche). Achten Sie darauf, nicht in die Lücken zwischen den Maschen zu stechen, da dies die Lücken vergrößert und eine ungleichmäßige Naht hinterlässt.
Maschen an einer vertikalen Seitenkante herausstricken
Hier entstehen bei vielen Strickenden Unsicherheiten – und hier kommt auch das oft zitierte Verhältnis von „3 Maschen aus 4 Reihen“ ins Spiel. Eine vertikale Kante – wie die Seite einer Knopfleiste – besteht aus Reihenenden, nicht aus Maschenköpfen. Da gestrickte Maschen meist breiter als hoch sind, würde ein 1:1-Auffassen (eine Masche pro Reihe) zu viel Material ansammeln. Die Folge wäre eine Welle oder Blende, die sich unschön aufwirft.
Schritt für Schritt:
- Stechen Sie von der Vorderseite aus unter beide Fäden der Randmasche ein, etwa eine ganze Masche weit von der äußeren Kante entfernt.
- Legen Sie den Faden um die Nadel und ziehen Sie eine Schlaufe durch.
- Arbeiten Sie so die Kante entlang, aber überspringen Sie regelmäßig eine Reihe, um das richtige Verhältnis einzuhalten.
Die Faustregel: Bei glatt rechts gestricktem Gewebe fasst man in der Regel etwa 3 Maschen aus 4 Reihen auf. In der Praxis bedeutet das: In drei aufeinanderfolgende Reihen je eine Masche herausstricken, dann eine Reihe überspringen und dieses Muster fortsetzen. Bei Krause-rechts-Mustern ist es einfacher: Hier fasst man gewöhnlich 1 Masche pro Rippe auf (da jede Rippe zwei Reihen entspricht).
Diese Verhältnisse sind Richtwerte. Garnstärke, Ihre persönliche Strickspannung und die Vorgaben der Anleitung können die genaue Zahl beeinflussen.
Maschen an einer geschwungenen Kante herausstricken
Halsausschnitte erfordern besondere Aufmerksamkeit, da eine geschwungene Ausschnittkante aus verschiedenen Abschnitten kombiniert ist: ein waagerechter abgeketteter Teil am Rücken, diagonale oder stufenförmige Abnahmen an den Schultern und vertikale Abschnitte am Vorderteil.
Schritt für Schritt:
- Unterteilen Sie den Ausschnitt gedanklich in seine Abschnitte – hinterer Ausschnitt, Schulterschrägen, vorderer Bogen – und wenden Sie auf jeden Abschnitt die jeweils passende Technik an (1:1 bei abgeketteten Maschen, das Reihenverhältnis an den geraden Seitenkanten).
- Halten Sie an den diagonalen oder stufenförmigen Abschnitten eine gerade Einstichlinie ein (etwa eine Masche von der Kante entfernt), anstatt jedem Zickzack der Stufen zu folgen. Das verdeckt die kleinen Stufen der Formgebung und erzeugt eine saubere Kante.
- Stechen Sie immer in das Zentrum einer Masche ein, niemals in Lücken oder Löcher von Abnahmen.
- Nutzen Sie Maschenmarker, um die Kurve in gleich große Abschnitte zu unterteilen, und rechnen Sie vorher aus, wie viele Maschen auf jeden Abschnitt entfallen sollen. So bleibt die Maschendichte rundherum gleichmäßig.
Verteilen Sie die in der Anleitung angegebene Gesamtmaschenzahl möglichst gleichmäßig auf Ihre markierten Abschnitte.
Eine Häkelnadel als Hilfsmittel nutzen
Selbst mit der richtigen Technik kann das Durchstechen einer festen Kante mit einer Stricknadel mühsam sein. Eine Häkelnadel, die ein bis zwei Nummern kleiner ist als Ihre Stricknadel, vereinfacht diesen Schritt erheblich.
- Stechen Sie mit der Häkelnadel an der gewünschten Stelle in das Gestrick ein.
- Holen Sie den Faden mit dem Haken und ziehen Sie eine Schlaufe nach vorne durch.
- Schieben Sie diese Schlaufe direkt auf Ihre Stricknadel und achten Sie darauf, dass sie nicht verdreht ist.
- Wiederholen Sie den Vorgang entlang der gesamten Kante.
Die Häkelnadel übernimmt das präzise Greifen des Fadens, während die Stricknadel lediglich die Maschen aufnimmt. Viele empfinden dies als deutlich schneller und schonender für die Hände.
Fehlerbehebung bei Lücken oder Wellen
Sollte das Ergebnis einmal nicht perfekt aussehen, lassen sich die Ursachen leicht beheben:
Löcher oder große Lücken zwischen den Maschen. Sie haben vermutlich in den Zwischenraum statt in das Maschenglied eingestochen. Trennen Sie den Abschnitt auf und stechen Sie direkt in das V der Masche ein.
Eine wellige oder abstehende Kante. Es wurden zu viele Maschen aufgenommen. Trennen Sie die Runde auf, überprüfen Sie die Zielmaschenzahl und überspringen Sie konsequenter Reihen.
Eine zu stramme, zusammengezogene Kante. Es wurden zu wenige Maschen aufgenommen. Nehmen Sie gleichmäßig verteilt einige Maschen mehr auf und achten Sie darauf, den Arbeitsfaden beim Durchziehen nicht zu stramm zu spannen.
Ungleichmäßige Dichte. Dies passiert, wenn man ohne Orientierungspunkte arbeitet. Teilen Sie die Kante vorab mit Maschenmarkern in gleiche Abschnitte ein und zählen Sie die Maschen pro Abschnitt genau ab.
Maschen herauszustricken erfordert ein wenig Übung – doch sobald der Ablauf sitzt, ist das saubere Auffassen von Maschen einer der befriedigendsten Schritte beim Fertigstellen jedes Strickprojekts.
