# Ein neues Knäuel Wolle ansetzen, ohne eine Lücke zu hinterlassen
Jede Strickperson kennt diesen kurzen Schreckmoment: Man strickt flüssig in einer Reihe, und plötzlich geht das Garn aus, während noch eine halbe Reihe vor einem liegt. Was Sie als Nächstes tun, entscheidet darüber, ob diese Stelle im Gestrick unsichtbar verschwindet oder zu einem lockeren, löchrigen Makel wird, den Sie bei jedem Tragen bemerken.
Die gute Nachricht: Das Ansetzen eines neuen Wollknäuels ist eine erlernbare Technik und kein Raten. Sobald Sie ein paar verlässliche Methoden kennen, können Sie die passende für Ihr Projekt auswählen und müssen nie wieder Angst haben, dass Ihnen das Garn ausgeht. Nachfolgend finden Sie drei bewährte Techniken – den einfachen Randansatz, den Russian Join und das Spleißen/Verfilzen (Spit Splice) – zusammen mit Empfehlungen, wann welche Methode am besten zum Einsatz kommt.
Warum Knoten der Feind sind
Es ist verlockend, das alte und das neue Garn einfach zusammenzuknoten und weiterzustricken. Widerstehen Sie diesem Impuls. Knoten bilden harte kleine Knubbel im Gewebe. Da gestrickter Stoff dehnbar ist, wandern diese Knoten mit der Zeit oft auf die Vorderseite (rechte Seite) des Werkstücks. Zudem können sie sich beim Tragen und Waschen lösen, besonders bei stark beanspruchten Kleidungsstücken wie Pulloverärmeln oder Sockenfersen. Die folgenden Techniken kommen komplett ohne Knoten aus und halten daher über die gesamte Lebensdauer Ihres Projekts deutlich besser.
Planen Sie das Ansetzen nach Möglichkeit am Rand
Der einfachste Weg, einen sichtbaren Ansatz zu vermeiden, ist vorausschauendes Planen, damit der Wechsel gar nicht erst mitten in der Reihe passiert. Prüfen Sie vor dem Start einer neuen Reihe, wie viel Garn noch übrig ist. Wenn Sie den Faden locker ein paar Mal um Ihr Projekt wickeln können und er nicht einmal über die Breite der Reihe reicht, ist es Zeit, am Rand ein neues Knäuel zu beginnen, anstatt das Risiko einzugehen, in der Mitte stehenzubleiben. Diese eine Gewohnheit erspart Ihnen mehr Frust als jede Spleißtechnik.
Der einfache Randansatz Schritt für Schritt
Diese Methode sollte jede Strickperson beherrschen, insbesondere für Schals, Decken und andere Projekte, bei denen die Kante später zusammengenäht, umhäkelt oder anderweitig versäubert wird.
- Beenden Sie die aktuelle Reihe, sodass Sie sich am Anfang einer neuen Reihe befinden und Ihr Arbeitsfaden an der Kante liegt.
- Lassen Sie das alte Garn hängen und achten Sie darauf, dass ein Fadenende von mindestens 6 Zoll (ca. 15 cm) bleibt.
- Nehmen Sie das neue Knäuel auf und lassen Sie ebenfalls ein 15 cm langes Fadenende hängen.
- Stechen Sie wie gewohnt in die erste Masche ein und stricken Sie sie mit dem neuen Garn. Halten Sie beide Fadenenden mit den Fingern an der Rückseite des Gestracks fest, um die Spannung bei den ersten 1–2 Maschen gleichmäßig zu halten.
- Stricken Sie ganz normal weiter. Die beiden Fadenenden hängen nun an der Kante Ihres Werkstücks.
- Sobald Ihr Projekt fertig ist, vernähen Sie beide Fadenenden einzeln mit einer Wollnadel an der Kante entlang. Folgen Sie dabei dem Verlauf der Maschen, sodass sich der Ansatz unsichtbar in die Naht oder Kante einfügt.
- Da dieser Ansatz ganz am Rand liegt, wird eine eventuelle leichte Lockerheit in der Nahtzugabe oder Kantenversäuberung aufgenommen und ist im Hauptgestrick nicht zu sehen.
Wenn Sie mitten in der Reihe einen unsichtbaren Ansatz benötigen
Manchmal hat man nicht den Luxus, bis zum Rand zu warten – etwa beim Stricken in Runden an einer Mütze oder Socke oder mitten in einem feinen Lochmuster, bei dem man die Reihe nicht unterbrechen möchte. In diesen Fällen zeigt eine Spleißtechnik ihren wahren Wert.
Der Russian Join (Russischer Ansetzfaden)
Der Russian Join ist der Goldstandard für eine reißfeste, nahezu unsichtbare Verbindung, die an jeder beliebigen Stelle im Gestrick gemacht werden kann – nicht nur an den Rändern. Er funktioniert besonders gut mit gezwirnten Garnen (Garne aus mehreren verdrehten Einzelfäden), was auf die meisten Woll- und Wollmischgarne zutrifft.
So wird es gemacht:
- Fädeln Sie das Fadenende Ihres bisherigen Arbeitsfadens auf eine stumpfe Wollnadel.
- Stechen Sie mit der Nadel zurück in den Faden selbst ein und führen Sie sie auf etwa 2 bis 3 Zoll (ca. 5 bis 8 cm) Länge durch den Kern des Garns, sodass die Nadel innerhalb der Fadenstränge verläuft.
- Ziehen Sie die Nadel durch, sodass an der Einstichstelle eine kleine Garnschlinge entsteht.
- Fädeln Sie nun das Fadenende des neuen Knäuels auf die Wollnadel.
- Führen Sie diese Nadel durch die eben entstandene Schlinge, wenden Sie und stechen Sie die Nadel ebenfalls über 5 bis 8 cm zurück in die Stränge des neuen Garns.
- Ziehen Sie den Faden durch und straffen Sie beide Fäden vorsichtig, um den Ansatz zu glätten und festzuziehen.
- Schneiden Sie abstehende Fasern dicht am Faden ab.
Sie haben nun einen durchgehenden, gespleißten Faden an genau der Stelle, an der sich die beiden Garne überlappen – ganz ohne spätere Fadenenden zum Vernähen. Der verbundene Abschnitt wird minimal dicker sein als das restliche Garn, aber sobald er verstrickt ist, fällt er im Gestrick kaum auf. Das macht den Russian Join ideal für Rundgestrickes, Einstrickmuster (Colorwork) und alle Stellen, an denen keine Naht zum Verstecken von Fäden vorhanden ist.
Spleißen durch Verfilzen (Spit Splice / Felted Join)
Wenn Sie mit 100 % tierischen Fasern arbeiten – wie Schurwolle, Alpaka, Mohair, Kamelhaar oder Kaschmir –, steht Ihnen die wohl unsichtbarste Verbindungsmethode überhaupt zur Verfügung: das Verfilzen der beiden Enden. Dies funktioniert nicht mit Superwash-Wolle, Baumwolle, Leinen, Acryl oder anderen behandelten bzw. synthetischen Fasern, da diese nicht filzen.
So funktioniert das Verfilzen:
- Drehen Sie das Ende Ihres alten Fadens auf etwa 3 Zoll (ca. 8 cm) Länge auf und teilen Sie die Einzelfäden, sodass sie locker und flauschig aussehen.
- Machen Sie dasselbe mit etwa 8 cm des neuen Fadens.
- Legen Sie die beiden aufgefächerten Abschnitte überlappend ineinander.
- Feuchten Sie den überlappenden Bereich gründlich an. Speichel funktioniert besonders gut, da die enthaltenen Enzyme den Filzprozess unterstützen, aber normales Wasser ist eine genauso gute Alternative.
- Legen Sie den feuchten, überlappenden Faden zwischen Ihre Handflächen und reiben Sie kräftig und schnell hin und her, um Reibung und Wärme zu erzeugen.
- Reiben Sie so lange weiter, bis sich das Garn trocken anfühlt und die beiden Enden zu einem einzigen, durchgehenden Faden verschmolzen sind.
- Schneiden Sie abstehende Flauschfasern mit einer scharfen Schere ab.
Durch Wärme und Bewegung verhaken sich die Schuppen der Wollfasern dauerhaft miteinander. Sobald der Vorgang abgeschlossen ist, ist diese Verbindung genauso reißfest wie das Garn selbst – ohne Fadenenden und virtuell unsichtbar. Es erfordert etwas Übung, den aufgefächerten Bereich lang und gleichmäßig genug hinzubekommen. Testen Sie es daher beim ersten Mal an einem Restfaden.
Den richtigen Ansatz für Ihr Projekt wählen
Als Faustregel gilt: Nutzen Sie den einfachen Randansatz für flach gestrickte Teile mit Nähten oder abgepassten Kanten, da er am schnellsten und einfachsten ist. Greifen Sie zum Russian Join, wenn Sie mitten in einer Reihe oder Runde eine starke, nahezu unsichtbare Verbindung benötigen – besonders bei mehrfädigen Garnen. Und reservieren Sie das Verfilzen (Spit Splice) für reine Naturfaserprojekte aus Tierhaar, bei denen Sie eine völlig nahtlose, dauerhafte Verbindung wünschen und Ihnen ein kleiner Mehraufwand nichts ausmacht.
Welche Methode Sie auch wählen, das Prinzip bleibt dasselbe: Geben Sie der Überlappung genügend Länge, halten Sie die Fadenspannung gleichmäßig und lassen Sie die Struktur des Garns – nicht einen Knoten – die Haltearbeit erledigen. Mit etwas Übung wechseln Sie Wollknäuel mitten im Projekt mit absoluter Sicherheit, und niemand wird am fertigen Stück erkennen können, wo ein Knäuel endete und das nächste begann.
