Durchatmen – das lässt sich reparieren
Ein Loch in einem handgestrickten Pullover zu entdecken, fühlt sich erst einmal wie eine kleine Katastrophe an. Vielleicht sind Sie mit dem Ärmel an einer Türklinke hängengeblieben, Motten haben sich über einen eingelagerten Pullover hergemacht oder ein durchgewetzter Ellbogen hat schließlich nachgegeben. Was auch immer die Ursache ist, der Schreck sitzt tief – schließlich steckt in dem Stück viel Arbeitszeit von Ihnen oder einem geliebten Menschen.
Das muss aber keineswegs das Aus für das Kleidungsstück bedeuten. Gestrick besteht aus einer Kette ineinandergreifender Schlingen, was es erstaunlich gut reparierbar macht – weit besser als Gewebe, bei dem Risse leicht ausfransen. Mit der passenden Technik, dem richtigen Garn und etwas Geduld lassen sich die meisten Löcher so ausbessern, dass später nur Sie selbst von der Reparatur wissen.
Dieser Ratgeber zeigt die wichtigsten Reparaturmethoden – von ganz klein bis aufwendig –, damit Sie für den vorliegenden Schaden genau die richtige Lösung finden.
Vor dem Start: Den Schaden begutachten
Nicht jedes Loch erfordert dieselbe Behandlung. Bevor Sie eine Nadel einfädeln, betrachten Sie die Stelle in Ruhe.
Wie groß ist das Loch wirklich?
Legen Sie das Strickstück flach bei gutem Licht aus. Eine einzelne gerissene Masche oder ein Loch in der Größe eines Radiergummis ist eine schnelle Ausbesserung. Alles, was breiter als ein Daumennagel ist oder bei dem sich mehrere Maschen drumherum aufgedröselt haben, verlangt nach einer strukturellen Reparatur. Dehnen Sie das Gestrick rund um das Loch ganz leicht (ohne daran zu reißen), um zu sehen, wie weit der Schaden tatsächlich reicht – namentlich Mottenschäden sind oft weitflächiger als auf den ersten Blick sichtbar.
Offene Maschen sichern
Wenn Sie an den Rändern des Lochs lose Schlingen sehen, sichern Sie diese sofort vor dem weiteren Laufmaschen-Rutschen. Schieben Sie eine dünne Nadelspielnadel, einen verschließbaren Maschenmarkierer oder einen Faden Restegarn durch die Schlingen. Dieser einfache Schritt verhindert, dass aus einem kleinen Loch ein großes wird.
Passendes Garn finden
Für eine möglichst unsichtbare Reparatur nutzen Sie Garn, das dem Original in Faser, Stärke und Farbe so nahe wie möglich kommt – am besten Garnreste des ursprünglichen Projekts. Falls Sie nichts mehr haben, prüfen Sie die Banderole auf Farbnummer und Marke oder nehmen Sie eine Maschenprobe mit ins Wollgeschäft. Selbst ein minimal abweichendes Garn fällt im Tragealltag kaum auf – lassen Sie sich davon also keinesfalls von der Reparatur abhalten.
Methode 1: Verstärkung im Maschenstich (Schweizer Stopfen)
Wenn das Loch sehr klein ist und die umgebenden Maschen lediglich ausgedünnt oder strapaziert sind (aber nicht komplett durchgerissen), ist der Maschenstich – auch als Schweizer Stopfen bekannt – die einfachste Lösung. Bei dieser Technik wird der Verlauf der bestehenden Maschen mit einem neuen Garnfaden exakt nachgearbeitet, sodass sich das Garn nahtlos über die schadhafte Stelle legt.
Schritte
- Fädeln Sie einen ausreichend langen Faden des passenden Garns in eine Woll- oder Stopfnadel.
- Beginnen Sie ein paar Maschen abseits der Beschädigung im intakten Gestrick und stechen Sie von der Rückseite her durch die Basis einer Masche nach vorne.
- Folgen Sie dem V-Verlauf dieser Masche: Führen Sie die Nadel hinter den zwei Maschengliedern („Beinchen“) der darüberliegenden Masche durch und stechen Sie an derselben Stelle wieder nach hinten, an der Sie begonnen haben.
- Gehen Sie zur nächsten Masche über und wiederholen Sie den Vorgang Reihe für Reihe über die schwache Stelle hinweg. Arbeiten Sie etwas über den beschädigten Bereich hinaus, damit das neue Garn im festen Gestrick verankert ist.
- Vernähen Sie die Fäden auf der Rückseite und dämpfen oder blocken Sie die Stelle leicht, damit sich die neuen Maschen schön ins Gesamtbild einfügen.
Diese Methode eignet sich besonders gut, um dünn gewordene Stellen an Ellbogen oder Fersen zu verstärken, bevor dort überhaupt ein Loch entsteht.
Methode 2: Kleines Loch schließen (Anmaschen / Kitchener-Stitch)
Bei einem echten kleinen Loch – wenige Maschen breit, mit intakten Schlingen oben und unten – lässt sich die Lücke mit dem Maschenstich (Kitchener Stitch) schließen. Das ist dieselbe Technik, mit der auch Sockenspitzen oder Schulternähte unsichtbar zusammengefügt werden.
Schritte
- Sichern Sie die losen Schlingen auf Hilfsnadeln oder Fäden (wie oben beschrieben) und richten Sie das Gestrick so aus, dass sich die beiden Lochränder genau gegenüberstehen.
- Fädeln Sie passendes Garn auf eine Wollnadel und verbinden Sie die offenen Schlingen der einen Seite Masche für Masche mit denen der gegenüberliegenden Seite im Maschenstich, sodass eine neu eingewebte Maschenreihe entsteht.
- Sollten einzelne Maschen komplett fehlen (statt nur getrennt zu sein), müssen Sie das Gestrick „lesen“ und die fehlenden Maschen mit dem Maschenstich sorgfältig nachbilden.
- Vernähen Sie die Enden auf der Rückseite und spannen/blocken Sie den Bereich leicht, um die Fadenspannung an das umgebende Gestrick anzupassen.
Das ist feine Detailarbeit – gutes Licht und etwas Geduld helfen hier sehr. Es ist ganz normal, wenn der erste Versuch ein wenig Ausprobieren erfordert.
Methode 3: „Strick-Chirurgie“ – Herausschneiden und Neu stricken
Bei größeren Schäden – einem ausgedehnten Loch, einem Riss oder durchgemoderten Stellen – greifen viele Strickfans zu einer beherzten Methode, die oft scherzhaft als „Strick-Chirurgie“ bezeichnet wird. Das klingt dramatisch, folgt aber einer einfachen Logik.
Schritte
- Suchen Sie eine intakte Maschenreihe oberhalb und eine unterhalb des Lochs. Ziehen Sie durch jede dieser Reihen einen Kontrastfaden (eine Rettungsleine / Lifeline), damit nichts weiter aufdröseln kann.
- Schneiden Sie vorsichtig eine Masche im beschädigten Bereich zwischen den beiden Rettungsleinen auf und trennen Sie die beschädigten Reihen bis zu den Rändern hin auf, sodass der kaputte Teil komplett entfernt wird. Das bewusste Eineschneiden kostet Überwindung, aber die Rettungsleinen sichern Ihr Gestrick zuverlässig ab.
- Sie haben nun zwei Reihen offener Maschen auf den Rettungsleinen: eine oberhalb und eine unterhalb der Lücke.
- Nehmen Sie die unteren Maschen auf eine Stricknadel und stricken Sie im ursprünglichen Muster und in derselben Maschenprobe neue Reihen nach oben, bis die Höhe der oberen Maschen erreicht ist.
- Verbinden Sie die letzte neu gestrickte Reihe im Maschenstich (Kitchener Stitch) mit den oberen offenen Maschen, entfernen Sie die Rettungsleinen und vernähen Sie die Fäden.
Diese Methode erfordert etwas Mut, liefert bei echten Strukturschäden aber das haltbarste Ergebnis, da das beschädigte Material vollständig durch frisches Gestrick ersetzt wird.
Methode 4: Flicken statt Neu stricken
Manchmal liegt ein Loch an einer Stelle, an der das Neu-Einstricken unpraktisch ist – etwa bei einem sehr komplexen Muster, einem Loch mitten in einer Einstrick-Farbarbeit (Colorwork) oder schlicht wenn eine Reparatur per Handnaht bevorzugt wird. In solchen Fällen ist ein gestrickter oder gehäkelter Flickfleck eine wunderbare Lösung.
Schritte
- Stricken oder häkeln Sie aus passendem Garn ein kleines Fleckchen (Swatch), das etwas größer als das Loch ist und vorzugsweise ein ähnliches Muster aufweist.
- Schneiden Sie das Fleckchen passend zu und lassen Sie einen kleinen Rand um die Lochgrenzen stehen.
- Platzieren Sie den Flicken von hinten (auf der linken Stoffseite) hinter dem Loch, sodass er als schützende Stützschicht dient.
- Nähen Sie den Flicken mit feinen Hexenstichen oder im Maschenstich von der Vorderseite fest, indem Sie sowohl das Originalgestrick als auch den Flicken fassen.
- Schneiden Sie überschüssiges Material des Flickens auf der Rückseite vorsichtig zurück und vernähen Sie alle Fäden.
Ein Flicken ist auch dann die beste Wahl, wenn das Gewebe um das Loch herum zu instabil ist, um Maschen direkt anzumaschen.
Wann Sie innehalten sollten
Wenn ein Loch eine sehr große Fläche einnimmt, das Garn brüchig geworden ist oder beim Arbeiten ständig reißt, testen Sie die gewählte Reparaturmethode zuerst an einer unauffälligen Stelle – etwa an der inneren Nahtzugabe oder an der Innenseite eines Bündchens. Ein leicht sichtbarer, aber stabiler Flicken ist immer besser als ein Loch, das bei jedem Tragen weiter wächst.
Das Reparieren gehört zu den ältesten Handwerkskünsten beim Stricken. Das nächste Loch im Lieblingspullover ist somit kein Totalschaden – sondern die Chance für eine Reparatur, auf die Sie stolz sein können.





