# Kontinentales vs. englisches Stricken: Welche Strickweise sollten Sie lernen?
Wenn Sie sich in Online-Strick-Communitys umsehen, haben Sie wahrscheinlich schon gehört, dass die kontinentale Strickweise angeblich objektiv überlegen sei oder dass das englische Stricken die einzig „richtige“ Art sei, den Faden zu halten. Ignorieren Sie das einfach. Kontinentales und englisches Stricken sind lediglich zwei verschiedene Methoden, um exakt dieselben Maschen zu bilden, und das fertige Strickbild sieht in beiden Fällen völlig identisch aus. Die eigentliche Frage ist nicht, welche Methode richtig ist, sondern welche besser zu Ihren Händen, Ihren Gewohnheiten und Ihren Strickprojekten passt.
Dieser Ratgeber erklärt, wie beide Stile funktionieren, wo ihre jeweiligen Stärken liegen und wie Sie die passende Strickweise für den Anfang oder als zweite Methode auswählen.
Der Hauptunterschied: Wo der Faden liegt
Beide Stile nutzen dieselben Nadeln und erzeugen dieselben rechten und linken Maschen. Der Unterschied liegt darin, welche Hand den Arbeitsfaden führt und wie dieser um die Nadel gewickelt wird.
Englisches Stricken: „Fadenwerfen“ („Throwing“)
Beim englischen Stricken halten Sie den Arbeitsfaden in der rechten Hand – also in derselben Hand, die auch die Arbeitsnadel führt. Um eine Masche zu bilden, stechen Sie in die Schlaufe ein und wickeln („werfen“) den Faden mit der rechten Hand um die Nadelspitze, bevor Sie ihn durchziehen. Manche Strickende verkürzen diese Bewegung zu einem schnellen Tippen des Zeigefingers („Flicking“), aber der Faden wird weiterhin mit der rechten Hand geführt.
Da die führende Hand zwei Aufgaben gleichzeitig übernimmt – die Nadel zu halten und den Faden zu führen –, erfordert das englische Stricken etwas mehr Hand- und Handgelenksbewegung pro Masche.
Kontinentales Stricken: „Fadenholen“ („Picking“)
Beim kontinentalen Stricken liegt der Arbeitsfaden in der linken Hand und wird über einen oder mehrere Finger gespannt. Anstatt den Faden um die Nadel zu wickeln, nutzen Sie die Spitze der rechten Nadel, um nach dem Faden zu greifen und ihn durch die Masche zu holen („picken“). Die linke Hand bewegt sich dabei kaum; der Großteil der Bewegung findet direkt an den Nadelspitzen statt.
Wenn Sie bereits häkeln, wird Ihnen diese Handhaltung bekannt vorkommen: Sie ähnelt sehr der Fadenführung beim Häkeln, weshalb Häkelerfahrene das kontinentale Stricken oft sehr rasch erlernen.
Ehrlicher Vergleich beider Strickweisen
Keiner der beiden Stile ist von Natur aus schneller, einfacher oder fortgeschrittener. Beide haben echte Stärken, und welche für Sie entscheidend sind, hängt von Ihren Vorerfahrungen und Zielen ab.
Geschwindigkeit und Effizienz
Das kontinentale Stricken wird häufig als sparsamer in den Handbewegungen beschrieben – da der Faden nicht bei jeder Masche neu umgewickelt werden muss, sind weniger Einzelbewegungen erforderlich. Viele der schnellsten Wettkampf-Stricker nutzen aus diesem Grund Varianten der kontinentalen Technik. Allerdings beschreibt „schneller“ nur die Mechanik der Maschenbildung, nicht die einzelne Person. Eine geübte englisch strickende Person mit jahrelanger Routine wird immer schneller sein als jemand, der das kontinentale Stricken gerade erst lernt.
Lernkurve
Das englische Stricken gilt für absolute Anfänger – besonders für Rechtshänder – oft als intuitiverer Einstieg, weil die dominante Hand die Fadenarbeit übernimmt, die man genau beobachten und steuern kann. Beim kontinentalen Stricken muss die linke Hand eine gleichmäßige Spannung halten, während die rechte Hand eine weniger sichtbare Bewegung ausführt. Das kann sich anfangs ungewohnt anfühlen, legt sich aber meist nach einigen Übungseinheiten.
Eine Ausnahme bilden Personen mit Häkelerfahrung. Da die Fadenhaltung beim kontinentalen Stricken dem Häkeln ähnelt, erlernen viele Häkler diese Methode überraschend mühelos.
Linke Maschen stricken
Hier teilen sich die Meinungen deutlich. Das englische Stricken linker Maschen fühlt sich für Anfänger oft unkomplizierter an, weil die Wickelbewegung der rechten Masche sehr ähnelt. Das kontinentale Stricken linker Maschen hat eine steilere Lernkurve, da der Faden eher geschoben als geholt werden muss. Die meisten Strickenden, die dabeibleiben, empfinden die Bewegung mit etwas Übung jedoch als genauso flüssig wie bei rechten Maschen.
Fadenspannung und Ergonomie
Sobald die Routine da ist, wird das kontinentale Stricken oft für sein sehr gleichmäßiges Maschenbild gelobt, da der Faden kontinuierlich aus derselben Hand läuft, statt bei jeder Masche neu gewickelt zu werden. Manche empfinden die kleineren, nadelnahen Bewegungen auch bei langen Strickeinheiten als schonender für Hände und Handgelenke. Das englische Stricken bietet hingegen eine sehr präzise, gut sichtbare Kontrolle über jeden Umschlag, was besonders bei rutschigen oder strukturierten Garnen von Vorteil sein kann.
Mehrfarbiges Stricken (Colorwork): Wo sich beide Stile ergänzen
Eine besonders nützliche Tatsache: Beim mehrfarbigen Stricken in Strandtechniken wie Fair Isle schließen sich kontinentales und englisches Stricken keineswegs aus. Viele nutzen eine beidhändige Technik, die beide Stile kombiniert – eine Farbe wird kontinental in der linken Hand geführt, die andere englisch in der rechten. Dadurch bleibt die Farbdominanz erhalten, und man kann Farben wechseln, ohne das Garn ständig ablegen und neu aufnehmen zu müssen, was mehrfarbige Reihen erheblich beschleunigt.
Ein kleiner Haken: Ein englischer Umschlag fällt meist etwas fester aus als ein kontinental geholter Faden. Beidhändiges Einstrickmuster erfordert daher etwas Übung, um beide Fäden auf gleicher Spannung zu halten. Es ist jedoch ein hervorragender Grund, im Laufe der Zeit beide Techniken zu erlernen.
Welche Strickweise sollten Sie zuerst lernen?
Es gibt keine allgemeingültige Antwort, aber folgende Fragen helfen bei der Entscheidung:
Haben Sie bereits Häkelerfahrung? Dann wird Ihnen das kontinentale Stricken wahrscheinlich sofort vertrauter vorkommen, da Fadenhaltung und Bewegung sehr ähnlich sind.
Lernen Sie von einer Person, aus einem Video oder im Kurs? Lernen Sie vorerst den Stil, den Ihre Lehrperson strickt. Das Beobachten von Handbewegungen in Echtzeit hilft beim Verinnerlichen mehr als das Umdenken einer Anleitung für die gegengleiche Methode.
Haben Sie Hand- oder Handgelenksbeschwerden bei wiederholten Bewegungen? Dann lohnt sich ein Versuch mit der kontinentalen Technik, da deren kleinere Handbewegungen bei langen Strickstunden oft als gelenkschonender beschrieben werden – Garantie gibt es dafür allerdings keine.
Möchten Sie mehrfarbige Muster oder besonders zügig stricken? Dann ist das kontinentale Stricken eine nachhaltige Investition, sowohl wegen der effizienten Maschenmechanik als auch als Vorbereitung auf beidhändiges Colorwork.
Suchen Sie einfach den denkbar einfachsten Einstieg? Die gut sichtbare Wickelbewegung des englischen Strickens ist für viele absolute Anfänger in der allerersten Strickstunde leichter zu erfassen.
Egal wofür Sie sich entscheiden: Die Wahl ist nicht endgültig. Viele Strickende erlernen zuerst eine Methode und eignen sich Jahre später die zweite an – sei es für zweifarbiges Stricken oder um die Hände durch den Wechsel abzuwechseln und zu entlasten. Die Maschen auf der Nadel sehen am Ende genau gleich aus. Fangen Sie einfach an und lassen Sie Ihre Hände entscheiden, wann es Zeit für die andere Technik ist.
